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Criticism of Islam between Enlightenment and Racism

Published in Theory on 09.11.2012


Die Frage, welche Form eine sinnvolle Islamkritik annehmen sollte, dringt zurzeit immer wieder in den Vordergrund. Dies ist jedoch kein bloßes Medienphänomen; wer sich progressiv und kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen will, muss auch hier Position beziehen.

Das dies durchaus problematisch sein kann, wird vor allem in der Praxis deutlich: Wenn sich bei Anti-Islam-Demonstrationen Rechtspopulisten und Nazis auf der einen Seite, Graue Wölfe, Hamas-Anhänger und fundamentalistische Salafisten auf der anderen Seite gegenüberstehen, ist klar, dass hier eine differenziertere Position eingenommen werden muss. Wir werden im Folgenden die Schwächen vorherrschender Formen der Islamkritik sowie die Negation jeder Islamkritik durch den postmodernen Kulturrelativismus aufzeigen und einen alternativen, aufklärerischen Ansatz formulieren.

Politische Initiativen gegen den Islam im Allgemeinen oder gegen Muslime im Besonderen sind zurzeit nicht nur in rechtspopulistischen Bewegungen, wie z.B. Pro NRW oder der Dänischen Volkspartei en vogue, sondern finden sich von Zeit zu Zeit auch in liberalen und bürgerlichen Medien wieder. Dass dahinter wohl nicht der Wille zur Religionskritik und der Aufklärung steht, der (auch wenn darunter nur ein bürgerlicher Aufklärungsbegriff zu verstehen ist) zweifellos zu begrüßen wäre, wird bei näherer Betrachtung der thematischen Bezüge schnell klar:

1. Muslime werden meistens als weitgehend homogenes, monolithisches Kollektiv betrachtet und nicht als Individuen. Die Muslime wollen dies und jenes ist der übliche Duktus in der deutschen Medienlandschaft; ob die darunter Subsumierten sich überhaupt mit dem vermeintlichen Kollektiv Muslime identifizieren bzw. ob die (meist ziemlich konservativen und unsympathischen) Islamverbände (wie zum Beispiel Ditib), mit denen der Staat meistens verhandelt, überhaupt die Mehrheit der Muslime und deren Meinungsbild respektiert, spielt offenbar keine Rolle. Mit solcherlei Zuschreibungen wird die Identifikation von Menschen mit Zwangskollektiven logischerweise nur gefördert, anstatt sie zu verhindern.

2. Die Verknüpfung mit der sozialchauvinistischen Leistungs- und Integrationsdebatte: Oft wird die sogenannte Integrationsunwilligkeit von Muslimen angeprangert und ihnen wird vorgeworfen, die Normen und Werte der Deutschen Leitkultur nicht angemessen zu respektieren. Eine herrschaftskritische Perspektive ist das natürlich nicht, denn unter die Lupe genommen werden nicht (durchaus existente) autoritäre Strukturen in islamischen Communities, sondern deren angeblich mangelnder Nutzen für die deutsche Volkswirtschaft. Im Falle eines Thilo Sarrazin geht das mit offenem Rassismus einher, wenn er etwa behauptet:

Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind.1

3. Feminismus als Vorwand: Auch das Thema Frauenrechte wird von rechten Parteien, die mit xenophoben und antimuslimischen Parolen auf Stimmenfang gehen wollen, gerne instrumentalisiert. Glaubwürdig ist das allein schon deshalb nicht, weil gerade die rechtspopulistischen und konservativen Parteien in Europa oftmals explizit selbst antifeministische Positionen vertreten. Davon kann mensch sich im Parteiprogramm der CSU oder der DVP jederzeit überzeugen.

Konservative und rechtsradikale IslamkritikerInnen kritisieren den Islam oft als dem Christentum und der deutschen Kultur unterlegene Hassreligion.

Germanische Stammesgesetze oder die Bibel haben jedoch Inhalte, die genauso sexistisch, homophob und generell menschenfeindlich sind, wie jene des Korans. So finden sich im neuen Testament Textstellen, welche behaupten, Frauen würden nur um der Männer willen existieren, (1. Korinther 11) sie seien deshalb zu Schweigsamkeit und Unterwürfigkeit verpflichtet. (1. Timotheus 2:11-14). Und wer eine andere Person (außer den Ehepartner) lustvoll ansieht, soll sich selbst die Augen ausstechen (Matthäus 5:28-30).

Würden diese Textstellen umgesetzt werden und Einfluss auf Gesetze haben, ergibt sich ein Bild, welches nicht weniger düster ist, als das eines islamischen Gottesstaates.

Der Islam kann also nicht aus einer Perspektive der westlich-christlichen Kultur, sondern nur aus der Position der Aufklärung heraus kritisiert werden. Identifikation mit nationalen, kulturellen oder eben auch religiösen Kollektiven sind grundsätzlich abzulehnen und die Vorbedingung, um überhaupt emanzipatorische Gesellschaftskritik üben zu können. Leider wird oft vergessen, dass dies nicht nur für die Identifikation mit westlicher oder christlich-abendländischer Kultur, sondern auch für die Islamische gilt. Die sogenannte Umma, die Gemeinschaft aller gläubigen Muslime, ist ebenso wenig ein emanzipatorisches Konstrukt, wie die deutsche Volksgemeinschaft oder Europa. Dabei wird oft unlogisch und voller Ressentiments argumentiert. Die zweifellos richtige Feststellung, dass beispielsweise gläubige Muslimas, die Kopftücher tragen, oft rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind, lässt nicht den Umkehrschluss zu, dass Kopftücher dadurch zu emanzipatorischen Symbolen werden. Unterschiedliche Kleidervorschriften für Männer und Frauen bleiben Teil einer Geschlechter-Apartheid, egal im Namen welcher Kultur sie praktiziert werden.

Emanzipatorische Positionen sind nicht an spezielle Kulturen anzupassen, sondern universell gültig.

Eine Relativierung von Menschenrechten oder emanzipatorischen Positionen ist in ihrer Argumentationsform im Prinzip selbst rassistisch, da dem Individuum seine Position als Mensch aberkannt wird und es zum Mitglied einer Kultur reduziert wird. Nur Menschen sollten Rechte haben, keine Kulturen oder Religionen.

Als ein besonders krasses Beispiel der Verharmlosung sexistischer Praxis kann ein Zitat von Judith Butler herangezogen werden, welches sie in einem Interview geäußert hat, in dem sie sich mit der Burka auseinandersetzt.

But in actuality, the burka as well as the yarmulke have different meanings. It can be a sign of private faith; it can be a way of signifying a certain belonging to community; the burka can be a way of negotiating shame and sexuality in a public sphere, or preserving a woman's honor, and even a way of resisting certain western modes of dress that signify a full encroachment of fashion and commodity dress that signifies the cultural efforts to efface Islamic practice.2

Zunächst ignoriert Butler die Tatsache, dass Frauen sich das Tragen der Burka oftmals nicht aussuchen können. Stattdessen werden sie in vielen islamischen Ländern gesetzlich dazu gezwungen oder, wo dies nicht der Fall ist, durch sozialen Druck oder familiäre Gewalt dazu genötigt. Aber selbst wenn die Burka freiwillig getragen wird, bleibt sie immer noch ein Symbol der Unterdrückung. Freiwilligkeit bedeutet hier nur, dass die Ideologie bereits verinnerlicht ist. Die Geschichte ist voll von Beispielen von Menschen, die sich freiwillig für ihre Unterdrückung entschieden haben.

Natürlich gilt dies nicht nur für die Burka. Denn auch in westlichen Ländern gibt es geschlechtsspezifische Bekleidungsnormen, welche zu durchbrechen und abzuschaffen sind. Der qualitative Unterschied zwischen den Bekleidungsnormen und der Burka ist, dass das Tragen der Burka oder generell das Tragen von Verschleierung in unzähligen Ländern durch physische Gewalt erzwungen wird.

Wenn Butler sagt, die Burka werde als Zeichen der Gemeinschaftszugehörigkeit getragen, wird darin doch schon ein sozialer Zwang affirmiert. Umgekehrt könnte Butler sagen: Wenn die Frau die Burka nicht tragen würde, würde sie ihre Gemeinschaft verraten. Hinzu kommt, dass ein Bezug auf momentan vorherrschende und soziale Normen niemals Teil einer aufklärerischen Rechtfertigung sein dürfen. Butlers Worte über Scham und Privatsphäre strotzen vor Affirmation althergebrachter Auffassungen von Sexualität. Denn gerade Butler als vermeintliche Feministin sollte eigentlich wissen, dass die Vorstellung von triebgesteuerten Männern, die vor allzu aufreizend angezogenen Frauen geschützt werden müssen, integraler Bestandteil aller patriarchaler Ideologie ist (nicht nur der islamischen). Durch Gleichsetzung von freizügigem Auftreten mit Ehrverlust, reproduziert sie die Vorstellung der keuschen Frau, die sich für ihren Ehemann aufheben soll.

Nicht nur linke Kulturrelativisten nutzen den Begriff der Religionsfreiheit für die Rechtfertigung autoritärer Communities oder Praktiken. Auch im bürgerlichen Diskurs wird unter der Religionsfreiheit immer nur das Recht auf friedliches Zusammenleben verschiedener religiöser Gemeinschaften verstanden. Religionsfreiheit im aufklärerischen Sinne meint jedoch vor allem, das Recht auf die Wahlfreiheit von Religion, d.h., sich mittels eigener Entscheidungskraft für oder gegen die Religion entscheiden und aussprechen zu können. Für uns als MarxistInnen und ist es ohnehin klar, dass alle, also nicht nur autoritär, sondern auch vermeintlich liberal praktizierte Religionen grundsätzlich abzulehnen sind.

Weiterhin steht für uns außer Frage, dass die Befreiung der Menschheit nicht die Befreiung der Kulturen, sondern nur die Befreiung der Individuen von ihren Kulturen bedeuten kann. An dieser Stelle wird es allerdings notwendig, ein paar Worte über den hier verwendeten Kulturbegriff zu äußern: Wenn wir von Kultur — hier im eindeutig negativ konnotierten Kontext — sprechen, meinen wir mit Kultur nicht die Vielfalt von individuellen Lebensentwürfen (die ja durchaus als etwas Positives angesehen werden können), sondern die oftmals autoritär durchgesetzte Unterordnung von Individuen unter die sozialen Normen von konstruierten Zwangsgemeinschaften. Diese Gemeinschaften können völkisch-ethnisch, national oder auch religiös begründet sein.

In diesem Sinne fordern wir, im Äquivalent zu unserer auf die Religion formulierten Forderung, kulturelle Freiheit - Nämlich die Freiheit, sich auch gegen die eigene Kultur und darüber hinaus auch gegen jede andere Kultur entscheiden zu können.


  1. Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab: 6. Aufl., S. 316 

  2. http://www.iablis.de/iablis\_t/2006/butler06.html