Skip to content

Weg mit der Wohlfühlpolitik!

von Franziska

1. Einleitung

In linken und linksliberalen Kreisen gibt es kaum eine größere Sünde, als die Gefühle anderer zu verletzen. Die Praxis vieler Gruppen und Akteure, vom Awarenessteam im autonomen Zentrum bis zur Diversity-Stelle des AStA, zielt gegenwärtig vor allem darauf ab, bloß niemanden zu diskriminieren oder auszuschließen. Inklusivität steht an erster Stelle, das subjektive Befinden der „Betroffenen“ gilt als höchste moralische Instanz. Anerkennung ersetzt Gleichheit. Das einzige Ziel vieler Linker sein es zu sein, sich in Sachen Political Correctness gegenseitig zu übertreffen. Der Linken als politische Kraft schadet diese Haltung massiv, denn sie führt zur Entpolitisierung politischer Fragen, zur Entmündigung jener, die von Diskriminierung betroffen sind, und schließlich auch zur Verharmlosung von realer Unterdrückung.

2. Entpolitisierung

Das Primat der politischen Korrektheit sorgt dafür, dass die politische Linke verlernt, als politisches Subjekt für sich selbst und andere zu kämpfen. Ärger und Wut werden im Rahmen abgeschotteter Wohlfühloasen therapiert, wo sie doch gegen jene gesellschaftlichen Faktoren mobilisiert werden sollen, die sie verursachen. Die Linke bringt Menschen bei, sich in ihre „Safe Spaces“ zurückzuziehen, statt die systemischen Ursachen gesellschaftlicher Missstände offensiv zu bekämpfen. Sie verwandelt strukturelle Probleme in therapeutische Probleme und entpolitisiert sie damit.

3. Entmündigung

Das politisch korrekte Verhalten Linker spricht der Einzelnen ihre Mündigkeit ab. Sie wird vom aktiven politischen Subjekt zur KonsumentIn einer Wohlfühlzone degradiert. Die von Diskriminierung Betroffenen verlernen, in der wirklichen Welt für sich selbst und andere einzustehen. Der Kontrast zwischen der fürsorglichen Bevormundung innerhalb der linken Bubble und der kalten Außenwelt verstärkt diesen Effekt nur.

Opfer gelten per se als handlungsunfähig. Allem Gerede von „Empowerment“ zum Trotz betrachtet die politisch korrekte Linke die von realer oder imaginierter Unterdrückung Betroffenen als völlig hilflos. Wer wirklich emanzipatorisch denkt, betrachtet die Menschen aber nicht bloß als Opfer – auch wenn ihnen zum Teil grauenhafte Dinge angetan wurden, die selbstverständlich zur Kenntnis genommen werden müssen. Wir können den von Ausbeutung und Diskriminierung Betroffnen Hilfe anbieten, sollten sie ihnen aber nicht aufzwingen. Erst wenn wir die Fokussierung auf den Opferstatus beiseiteschieben, ermöglichen wir eine Begegnung auf Augenhöhe. Wir müssen anerkennen, dass es zwischen uns und jenen, die der Unterdrückung ausgesetzt sind, nichts Trennendes gibt.

4. Verharmlosung

Indem sie suggeriert, es würden alle möglichen Personengruppen auf alle möglichen Arten und Weisen unterdrückt, verharmlost die politisch korrekte Linke wirkliche Unterdrückung. Systemischen Diskriminierung im Rahmen von Rassismus, Antisemitismus und Sexismus werden mit der mangelnden Anerkennung für Asexuelle oder BDSM-Praktizierende gleichgesetzt. Auf der einen Seite bekommen bestimmte Individuen nicht die Anerkennung, die sie sich gerne wünschen würden. Auf der Anderen werden Menschen aktiv ausgebeutet und bedroht, nicht nur durch Worte, sondern durch wirkliche Handlungen. Eine politische Korrektheit, die es verbietet, zwischen Unhöflichkeit und Diskriminierung, zwischen mangelnder Anerkennung und echter Unterdrückung zu unterscheiden, verharmlost letztere.

5. Fazit

Die Beliebtheit des Opfer- und Wohlfühlkultes kann im Prinzip nur psychologisch erklärt werden. Die politische Korrektheit dient im Endeffekt der Befriedigung eines tief sitzenden narzisstischen Bedürfnisses. Ihre AnhängerInnen wollen vor allem eins – von Anderen gesehen werden. Sie sind getrieben von dem Wunsch, sich auf die Bühne zu stellen und Applaus zu ernten dafür, dass sie sich so einfühlsam und selbstlos für die Diskriminierten einsetzen. Und während sie sich stolz als WohltäterInnen präsentieren, werde die Betroffenen zu ZuschauerInnen degradiert.

Lacan würde sagen: Die politisch Korrekten eifern verzweifelt nach der Bestätigung durch den Großen Anderen. Indem sie eine weiße Weste präsentieren, bestätigen sie sich gegenseitig darin, den Anforderungen der öffentlichen Moral nachzukommen und den imaginären Vater endlich zufriedenzustellen. Das ist natürlich nicht möglich. Wer dem Bedürfnis nach derartiger Bestätigung nachgibt, statt ernsthaft Politik zu betreiben, offenbart, worum es in Wahrheit von Anfang an ging.

Die Political-Correctness-Kultur wird motiviert durch das Bedürfnis, die eigenen Mängel durch das Zurschaustellen moralischer Reinheit zu kompensieren. Doch ein gesundes Selbstbewusstsein kommt aus dem Inneren, und eine gesunde politische Praxis orientiert sich an ihren Erfolgsaussichten. Die Bedürfnisse der AktivistInnen müssen in dieser Hinsicht hinten angestellt werden.

Weitere Artikel

ProletarierInnen aller Milieus, vereinigt euch!

Bei jenen, die "Arbeiterschaft" und "Großstadtmilieu" gegeneinander ausspielen, wird man einen vernünftigen Klassenbegriff nicht finden.

Plenumsterror

Linke Gruppen lieben das Plenum. Leider ist der grenzenlose Horizontalismus nicht nur ineffizient, sondern auch undemokratisch.

Was wir vom politischen Gegner lernen können

Wie wir uns in politischen Auseinandersetzungen erfolgreich durchsetzen können, das kann uns nur der politische Gegner beibringen.

ProletarierInnen aller Milieus, vereinigt euch!

Bei jenen, die "Arbeiterschaft" und "Großstadtmilieu" gegeneinander ausspielen, wird man einen vernünftigen Klassenbegriff nicht finden.

Plenumsterror

Linke Gruppen lieben das Plenum. Leider ist der grenzenlose Horizontalismus nicht nur ineffizient, sondern auch undemokratisch.

Was wir vom politischen Gegner lernen können

Wie wir uns in politischen Auseinandersetzungen erfolgreich durchsetzen können, das kann uns nur der politische Gegner beibringen.