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Zum europäischen Rassismus: Drei Thesen gegen den Import US-Amerikanischer Rassismusdiskurse

von Fabian Lehr

Black Lives Matter Proteste in Bern, Schweiz
(Black Lives Matter Protest, Bern, Switzerland, 13.06.2020)

Fais pas ci, fais pas ca ...

Ich habe mir vor einer Weile eine der erfolgreichsten französischen Familienserien angesehen, „Fais pas ci, fais pas ca“. Darin wird über neun Staffeln hinweg das Leben zweier benachbarter bürgerlicher Familien in einem wohlhabenden Vorort von Paris dargestellt, der spießig-konservativen Familie Lepic und ihrer Nachbarn, der grünen, etwas unkonventionelleren und offeneren Bobo-Familie Bouley. Die Serie ist ein bisschen wie eine europäische Version von „Eine himmlische Familie“, nur etwas realitätsnäher, etwas humoristisch und in den hier wie dort in jeder Episode transportierten moralischen Botschaften am ehesten von den Idealen vage linksliberaler GrünwählerInnen durchdrungen statt von der bornierter evangelikaler Reaktionäre.

Typische Botschaften von „Fais pas ci, fais pas ca“-Episoden sind bspw.: Wählen ist wichtig und eine moralische Pflicht, weil Nichtwählen die extreme Rechte stärkt und man nur so Demokratie leben und Verantwortung übernehmen kann. Es ist normal und verzeihlich, dass man hier und da mal eine erotische Verirrung empfindet und auch mal einen Seitensprung oder eine Affäre hat, aber am Ende kommt man stets zum Schluss, dass Familie das Wichtigste und die monogame Zweierbeziehung der Schlüssel zum Glück ist. Kindererziehung ist unglaublich anstrengend und zermürbend, aber am Ende entschädigt einen das Familienglück für alles. Manche Menschen sind links, andere rechts, die einen offener, die anderen feindseliger, die einen angepasste Streber, die anderen unangepasste Lebenskünstler, aber im Kern sind alle liebenswürdig und deswegen muss man die Leute nehmen wie sie sind und immer tolerant sein.

Immer wieder werden auch die Vorurteile der beiden Familien dargestellt und dann im Verlauf der Episode pädagogisch widerlegt. Einmal zieht bspw. ein Schwarzer ins ansonsten rein weiße gutbürgerliche Viertel, und natürlich haben alle Angst, dass es ein gefährlicher Krimineller ist, die eher reaktionären Lepics offen, die eher progressiven Bouleys verdruckst und verschämt. Dann zeigt sich aber, dass ihre Annahmen alle falsch waren und der neue Nachbar ein anständiger, netter Mann ist, man schämt sich ein bisschen für seine Ressentiments und hat seine Lektion gelernt. In einer anderen Staffel lernen die spießigen Lepics sogar, die sie anfangs schockierende Homosexualität ihrer Tochter Charlotte zu akzeptieren und als Krönung traut die in der Stadtverwaltung arbeitende Mutter Lepic zum Stolz ihrer Tochter nach Einführung der Homo-Ehe das erste lesbische Ehepaar von Sevres. Kurz: Die Moral der Serie ist eine Art Konservatismus nach grünem Geschmack, mit Humor und Weltoffenheit, der sich modernen gesellschaftlichen Erscheinungen gegenüber nicht verschließt, dabei aber doch Ehe und Familie als Fundament der Gesellschaft preist und das private Glück in den eigenen vier Wänden predigt.

In einer Episode nun bestellen die Bouleys sich eine Babysitterin aus der Ukraine. Im Internet hatten sie sich eine junge, hübsche, sympathische Frau ausgesucht. Als sie bei ihnen eintrifft, stellen sie aber entsetzt fest, dass eine andere gekommen ist und diese andere hässlich ist, stinkt, keine Manieren hat und schwer von Begriff ist. Dass sie stinkt, ist ungefähr das Hauptthema der Episode. Es gibt keine Szene, in der die neue Babysitterin das Zimmer betritt, in der die Familie nicht angewidert den Kopf verdreht, und weil sie kein Französisch versteht und sich nur in unverständlichen rauhen, primitiven gurgelnden Kehllauten ausdrücken kann, unterhalten sie sich auch in ihrer Gegenwart ungeniert über ihren ekelhaften Gestank. Um gegen diesen Zustand etwas zu unternehmen, versuchen die Bouleys ihr zu erklären, was Dusche, Zahnbürste und Shampoo sind und wie man das benutzt, aber vergeblich: Das kennen die Barbaren da hinten im Osten nicht, sie versteht es nicht und stinkt ungemindert vor sich hin. Außerdem kann man ihr keine zivilisierten Tischmanieren beibringen, sie stopft sich mit ekelhaftem, undefinierbarem, fettigem Fraß voll und rülpst dann laut durch die Wohnung. Kurz, die Darstellung der Babysitterin ist eine einzige skurril überzeichnete rassistische Karikatur. So würden wahrscheinlich ungefähr OsteuropäerInnen in Nazi-Fernsehserien dargestellt worden sein, wenn die Nazis den Krieg gewonnen und dann Serien über das Zusammenleben deutscher Herrenmenschen mit ihren russischen Sklaven gedreht hätten.

Die ganze Episode lang wartete ich darauf, dass es wieder eine der für die Serie typischen Wendungen geben würde, durch die die uneingestandenen rassistischen Ressentiments der Bouleys widerlegt werden, sie beschämt in sich gehen und dann zerknirscht ihr Verhalten reflektieren. Aber nichts dergleichen. Die Episode endet damit, dass Vater Bouley die Babysitterin irgendwo in Paris auf der Straße aussetzt und davonfährt, woraufhin alle erleichtert aufatmen, dass die eklige, hässliche Ausländerin endlich weg ist. Ende. Die ganze Episode ist einfach ein auf 50 Minuten gedehnter rassistischer Witz, der nicht selbstironisch gebrochen, nicht kommentiert wird. In einer Serie, die, wie gesagt, am Ehesten grüne und linksliberale Grundsätze propagiert und mit dem Holzhammer darauf hinweist, wie wichtig Demokratie, Toleranz und gegenseitiges Verständnis sind, ist dieser krasse Ausrutscher irritierend, bizarr.

Bezeichnend scheint mir daran aber, dass der einzige richtige rassistische Aussetzer der Serie sich gegen eine Osteuropäerin richtet – und es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, warum die mechanische 1:1-Übernahme amerikanischer Rassismusdiskurse im Kontext der erheblich verschiedenen europäischen Gesellschaft zu so unsinnigen Ergebnissen führt wie den ganzen auf vielfache, verschiedenartige Weise kaputten Diskussionen in der linken Bubble über „Rassismus gegen Weiße“.

Rassismus in den USA

Die rassistische Unterdrückung der Schwarzen durch weiße Sklavenhalter und den diese und ihre Nachkommen schützenden Staat der Weißen ist einer der prägendsten Züge der amerikanischen Gesellschaft in der gesamten Geschichte der USA. Die Unterdrückung der Millionen Schwarzen, sei es direkt als Sklaven oder im Norden bzw. nach 1865 überall durch diskriminierende Gesetze und scharfe gesellschaftliche Abgrenzung, ist in den USA nicht einfach eine Form von Rassismus, die gleichrangig neben der rassistischen Diskriminierung steht, die auch andere ethnische Gruppen wie Iren oder Italiener dort zeitweise erlitten haben. Die Unterdrückung der Schwarzen war nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Grundlage der Ökonomie des halben Landes, sie war auch das einigende Band der weißen Mehrheitsgesellschaft, die selbst multikulturell war und aus dutzenden frisch eingewanderten Ethnien bestand, die ihren inneren Zusammenhalt, ihre Stabilität gerade darin fand, dass noch der ärmste, sozial tiefstehendste, kaum Englisch sprechende frisch eingewanderte deutsche, italienische, irische oder polnische Immigrant Stolz und Selbstbewusstsein daraus ziehen konnte, dass er immerhin kein Schwarzer ist, sondern als Weißer ein richtiger, ein stolzer Amerikaner werden kann. Die Abgrenzung aller Weißen gegen die Schwarzen war die Voraussetzung dafür, dass die multikulturelle weiße Gesellschaft sich homogenisieren, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, eine einige Nation werden konnte. Ein europäischer Immigrant konnte in der Regel damit rechnen, nach seiner Ankunft innerhalb einiger Jahre als richtiger Amerikaner akzeptiert zu werden. Ein Schwarzer, dessen Familie seit zehn Generationen in Amerika lebte, blieb ein Fremder, ein Aussätziger, und eben durch Abgrenzung von ihm konnten die weißen Einwanderer so leicht „richtige Amerikaner“ werden. Ausnahmen wie die zeitweise starken Ressentiments eben bspw. gegen Iren und Italiener bestätigen die Regel, und auch die Iren und Italiener wurden innerhalb von zwei, drei Generationen in die (weiße) amerikanische Nation aufgenommen, während die Schwarzen die Fremden und Aussätzigen blieben.

Die Unterdrückung und Ausgrenzung der Schwarzen und die Legitimierung dieses Zustandes durch gegen sie gerichtete rassistische Theorie und Gesetze sind eines der zentralsten Elemente zum Verständnis der ganzen amerikanischen Geschichte, es ist einer der wichtigsten diese Gesellschaft überhaupt prägenden Faktoren. Tocqueville hat in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ schon in den 1830er Jahren, lange vor allen ernsten Debatten ´über die Abschaffung der Sklaverei, sehr kluge Bemerkungen darüber angestellt, dass die kollektive Unterdrückung der Schwarzen und die Abgrenzung von ihnen Voraussetzung für das Funktionieren der für EuropäerInnen dieser Zeit erstaunlichen Demokratie und relativen gesellschaftlichen Egalität unter den weißen AmerikanerInnen war. Es ist absolut verständlich und im Kern auch nicht falsch, wenn AmerikanerInnen im Kontext der US-amerikanischen Geschichte und Gesellschaft „Rassismus“ und „Unterdrückung von Schwarzen durch Weiße“ mehr oder weniger als Synonyme verwenden.

Europäischer Rassismus

Man kommt aber zu ganz unsinnigen Ergebnissen, wenn man die in diesem spezifischen Kontext entstandenen US-Diskurse mechanisch auf Europa überträgt mit seiner völlig anderen Geschichte und Gesellschaft. Nicht einfach bloß, weil es in keinem europäischen Land jemals eine prozentual große schwarze Bevölkerung gegeben hat. Eine Gruppe kann sehr klein sein und trotzdem einen immensen Platz in dominanten Massenideologien einnehmen, siehe die Besessenheit antisemitischer Massenbewegungen von den kleinen jüdischen Minderheiten, die es in Europa gab. Sondern weil die Unterdrückung der paar ganz wenigen Schwarzen, die es im 18., 19. oder frühen 20. Jahrhundert in Europa gab, niemals ein die europäischen Gesellschaften ernstlich prägendes Element war. Gewiss, europäische Kapitalisten verdienten sich mit Verschleppung schwarzer SklavInnen in die Kolonien eine goldene Nase, aber das spielte sich irgendwo ganz, ganz weit weg ab und hatte kaum eine Wirkung auf das ideologische Bewusstsein der Masse der Bevölkerung in Europa selbst. Schwarze waren für durchschnittliche EuropäerInnen des 18. oder 19. Jahrhunderts nichts, was ihren Alltag prägte, sondern eine Art rare Fabelwesen, von denen man abstrakt wusste, dass es sie irgendwo da draußen in der Ferne gibt, mit denen man sich aber weiter nicht beschäftigte. Die wenigen Schwarzen, die damals in Europa lebten, waren natürlich im Alltag allen möglichen rassistischen Diskriminierungen unterworfen, und im imperialistischen Zeitalter ab dem mittleren/späten 19. Jahrhundert spielten rassistische Theorien über die behauptete Minderwertigkeit von AfrikanerInnen bzw. afrikanischer Kulturen eine beträchtliche Rolle zur Legitimierung des europäischen Kolonialismus und zur ideologischen Verherrlichung der als leuchtender Kontrast danebengestellten eigenen Nation, deren imperialistische Raub- und Unterwerfungskriege als edle zivilisatorische Missionen präsentiert wurden, die armen Wilden in die echte, d.h. europäische Kultur hinaufzuziehen.

Aber in keinem europäischen Land war „Schwarze vs. Weiße“ jemals ein zentraler gesellschaftlicher Konflikt, der das Massenbewusstsein entscheidend geprägt hätte.
Der europäische Rassismus als ideologisch prägendes Massenphänomen behandelte Schwarze meistens verächtlich und mit Herablassung als eine Kuriosität am Rande, aber sie waren nie sein Hauptobjekt. In Europa waren andere Gruppen für das Spiel von Gruppenzusammenhalt durch rassistische Abgrenzung viel wichtiger. Eben bspw. die JüdInnen. Ausbrüche wilder antisemitischer Massenbewegungen gibt es in Europa periodisch vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart, regelmäßig nehmen sie Pogromcharakter an, im 20. Jahrhundert, vorbereitet von den Antisemiten des späten 19. Jahrhunderts, schließlich genozidalen. Und ein ganz zentraler Aspekt des westeuropäischen Rassismus ist seit Jahrhunderten eben auch die Abgrenzung gegenüber der slawischen Welt und Osteuropa allgemein.

Ein heute nahezu unbekanntes historisches Faktum ist bspw., dass es im Hochmittelalter einen florierenden deutschen Sklavenhandel gab – und zwar mit polnischen, sorbischen, litauischen und böhmischen SklavInnen, die deutsche Ritter auf regelmäßigen Raubzügen östlich der Elbe einfingen und auf großen Sklavenmärkten wie Magdeburg versteigerten. Wenig bekannt ist heute auch die deutsche Ostkolonisation des Hoch- und Spätmittelalters, in der deutsche feudale Glücksritter mit ihren Söldner- und Abenteurerbanden zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert die slawischen und baltischen Bevölkerungen zwischen Elbe und Estland unterwarfen, zwangsbekehrten, germanisierten, teils ausrotteten und in den menschenentleerten Gebieten durch deutsche Siedler ersetzten. Einige slawische und baltische Stämme wurden von den deutschen Eroberern ausgerottet. Berlin, Rostock oder Dresden sind slawische Gründungen, die erst im Hoch- und Spätmittelalter von deutschen Eroberern unterworfen und germanisiert wurden.

In der Moderne schließlich nahm Osteuropa bis 1917 und seit 1990/91 wieder die Rolle von Westeuropa untergeordneten halben Kolonien ein, die im Massenbewusstsein Inbegriff von Wildheit, Primitivität und Unterentwicklung waren. WesteuropäerInnen des 19. Jahrhunderts zogen einen beträchtlichen Teil ihres kulturellen Stolzes und Selbstbewusstseins aus der Abgrenzung von den Barbaren im Wilden Osten, die in der Literatur der Zeit unablässig karikiert und verhöhnt werden. Und in Deutschland sind OsteuropäerInnen die erste Gruppe, die massenhaft als moderne kapitalistische ArbeitsmigrantInnen ins Land kommen. Die saisonale Drecksarbeit auf den Feldern machen schon auf den Junkergütern des wilhelminischen Deutschlands importierte polnische, baltische und galizische BilligarbeiterInnen. Die am niedrigsten qualifizierten, am schlechtesten bezahlten, am geringsten angesehenen Arbeiten in den deutschen Fabriken Anfang des 20. Jahrhunderts werden bevorzugt von PolInnen ausgeübt. Am Vorabend des ersten Weltkriegs schuften in Deutschland zeitweise bereits knapp eine Million osteuropäische BilligarbeiterInnen, und in der Presse und Publizistik der Zeit tobt gegen sie eine bösartige rassistische Verleumdung, die der gleicht, die sich heute gegen muslimische MigrantInnen entlädt: Faul seien diese Barbaren, dumm und versoffen. Von Natur aus heißblütig, gewalttätig, kriminell und eine Gefahr für die Allgemeinheit. Stets schamlos hinter anständigen deutschen Frauen her, in eine Kulturnation nicht integrierbar und von ihren gehobenen Sitten überfordert.

Im ersten Weltkrieg schließlich versucht der deutsche Imperialismus erstmals, sich ein riesiges Kolonialreich in Osteuropa zu erobern, im zweiten wird das zu seiner Hauptobsession, wird schriller antislawischer Rassismus zentrale Staatsdoktrin, werden Millionen PolInnen, RussInnen, UkrainerInnen ermordet, wird es erklärtes politisches Ziel des Staates, die eine Hälfte aller SlawInnen auszurotten, die andere Hälfte zu SklavInnen zu machen und wie Nutztiere zu halten. Traktate über die naturgegebene Minderwertigkeit der slawischen Halbmenschen werden in Deutschland Schullektüre. Millionen SlawInnen werden als SklavenarbeiterInnen nach Deutschland verschleppt und erledigen dort schließlich den Großteil der Industrie- und Erntearbeit unter der Aufsicht von SS-Sklavenwärtern.

Die hitlerschen Pläne von einem deutschen Sklavenhalterimperium im Osten scheiterten zwar, aber antislawischer Rassismus, zwischen 1941 und 1991 mit antikommunistischer Ideologie verbunden, blieb in ganz Westeuropa und besonders in Deutschland tief im Massenbewusstsein verwurzelt und gesellschaftlich allgemein akzeptiert. Ich erinnere mich gut daran, wie normal und akzeptiert in meiner Kindheit in den 90er Jahren Witze über klauende Polen, versoffene Russen, gewalttätige OsteuropäerInnen aller Art waren. Das war die präsenteste Form von Rassismus überhaupt (Erst in den letzten Jahren etwas verdrängt durch den antimuslimischen Wahn). Rassistische Witze über klauende Polen und und faule, unverschämte rumänische Sozialschmarotzer gehören nach dem dritten Bier zum humoristischen Standardrepertoire deutscher Wirtshaustische. Eine besonders gewalttätige, besonders verbreitete und gesellschaftlich akzeptierte Sonderform des massenhaft verbreiteten Rassismus gegen OsteuropäerInnen ist schließlich der Antiziganismus. Witze über „Zigeuner“, humoristische Erörterung ihrer abstoßenden Rasseeigenschaften sind noch heute in Deutschland gang und gäbe. Rassistische Witze wohlgemerkt über eine Gruppe, gegen die die Nazis einen umfassenden Genozid planten, ihn halb ausführten und die nach dem Krieg jahrzehntelang keinerlei Anerkennung als Opfer erhielten, diskriminiert, unterdrückt, eingesperrt, zwangssterilisiert wurden wie zuvor.

Seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks und besonders der Ostexpansion der EU schließlich nehmen OsteuropäerInnen in Deutschland wieder zu hunderttausenden und Millionen die gesellschaftliche Rolle ein, die sie im Kaiserreich schon spielten: BilligarbeiterInnen des deutschen Kapitals, importiert, wenn man gerade Bedarf nach ihnen hat, abgeschoben, wenn man sie nicht mehr braucht, dabei in der BILD und im Fernsehen regelmäßig als eine Art gefährlicher wilder Tiere präsentiert. Rassismus gegen rumänische und bulgarische „ArmutsmigrantInnen“ ist in Deutschland und Österreich ein Massenphänomen. Der Rassismus gegen OsteuropäerInnen hat in Westeuropa und besonders in Deutschland eine jahrhundertelange Tradition, er ist für Deutschland einer der prägenden gesellschaftlichen Faktoren des 20. Jahrhunderts. Dieser innereuropäische Rassismus war und ist in der westeuropäischen, besonders deutschen Gesellschaft nicht nur eine der historisch bedeutendsten Formen des Rassismus, er ist auch heute noch wenig hinterfragt.

Drei Thesen

In Ländern wie Deutschland oder Österreich, in denen fanatischer antislawischer Rassismus zeitweise offizielle Staatsdoktrin war und rassistische Ressentiments gegen OsteuropäerInnen nach wie vor von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt werden, ist die Gleichsetzung von „Rassismus“ mit „Diskriminierung Schwarzer“ offenkundiger Unsinn. Aber, mag man einwenden, ignoriere ich denn nicht, dass im amerikanischen Diskurs „Black“ mit großem B nicht nur bedeute, dunkle Haut zu haben, sondern irgendeiner ethnischen Gruppe anzugehören, die sozial und ökonomisch diskrimiert und ausgegrenzt und dann eben für diese prekäre Randstellung doppelt diskriminiert wird, also behandelt wird, wie es in den USA in erster Linie, aber nicht ausschließlich Schwarzen widerfährt, man also „Schwarz“ sein kann, ohne dunkelhäutig sein zu müssen? Nein, das ignoriere ich nicht. Aber diese Differenzierung überzeugt mich aus mehreren Gründen nicht davon, dass es sinnvoll ist, den „whiteness“-Begriff aus den USA nach Europa zu importieren.

Erstens, weil auch diese erweiterte Definition von „Schwarzen“ einige historisch besonders bedeutende und besonders virulente Formen des europäischen Rassismus überhaupt nicht trifft. In erster Linie den Antisemitismus, der in den USA niemals eine gesellschaftlich sehr bedeutende Rolle gespielt hat, in Europa aber ein zentrales Element der ganzen modernen Geschichte darstellt und die mörderischsten Formen aller Rassismen überhaupt angenommen hat. Auch im Sinne von „Black“ mit großem B sind JüdInnen für AntisemitInnen nicht „Schwarz“. Der Antisemitismus unterscheidet sich von den allermeisten anderen Formen des Rassismus dadurch, dass seine Opfer gerade n i c h t dafür verachtet werden, als kulturell und sozial unterlegen, als arm, primitiv und unzivilisiert verunglimpft zu werden, sondern im Gegenteil dafür, in der Fantasie der AntisemitInnen eine durch ihrer imaginierte Ü b e r l e g e n h e i t furchteinflößend zu sein, durch ihre teuflische Intelligenz und Raffiniertheit, ihre dunkle, erschreckende Macht, ihren sagenhaften Reichtum, ihre überfeinerte Kultur, ihre herablassend ironische Verspottung der ehrlichen, aber naiven ArierInnen. AntisemitInnen stellen sich JüdInnen nicht als arme Wilde vor, die mit der Zivilisation nichts anfangen können und deshalb von überlegenen Herrenmenschen wie ihnen in die Schranken gewiesen werden müssen, sondern als heimliche Herren der Welt, die alle Fäden dieser Gesellschaft in der Hand halten und gegen deren diabolische Pläne man mit vereinten Kräften einen verzweifelten Abwehrkampf führen müsse. Eine solche Form des Rassismus, die, ich wiederhole es, eine der verbreitetsten, einflussreichsten, historisch bedeutendsten Formen des Rassismus in Europa überhaupt war, ist mit einem Konzept, das Rassismus als „White privilege“ definiert, überhaupt nicht zu erfassen.

Zweitens scheint mir die Verwendung dieses Begriffes nicht sinnvoll, weil man noch so oft erklären kann, man meine mit „Schwarz“ nicht „dunkelhäutig“, sondern eine soziale Stellung, ohne zu verhindern, dass der Begriff von 90% derjenigen, die ihn hören oder benutzen, am Ende doch so verstanden werden wird. Die politische Wirklichkeit sieht doch so aus, dass die meisten derjenigen europäischen Linken, die die Terminologie dieser amerikanischen Diskurse übernommen haben, eben doch eine Hautfarben-Skala anstellen und sich keinen Rassismus vorstellen können, der Menschen trifft, die nicht schwarz mit kleinem s sind. Ein Ukrainer, ein Rumäne oder ein Jude, die optisch nicht von der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland oder Österreich oder Frankreich unterscheidbar sind, aber trotzdem mit massiver, manchmal lebensbedrohlicher rassistischer Diskriminierung konfrontiert sind, passen in ein Rassismuskonzept, das Rassismus als „Diskriminerung armer dunkelhäutiger Menschen durch wohlhabende hellhäutige Menschen“ definiert, nicht herein. Eine solche Definition von Rassismus ist bereits in den USA eine grobe Vereinfachung. Zur Beschreibung der europäischen sozialen Wirklichkeit ist sie völlig unbrauchbar, sie beschreibt nur eine bestimmte Facette rassistischer Diskriminerung.

Drittens scheint mir bei dieser Terminologie eine ungute Naturalisierung von Rassismus mitzuschwingen. Rassismus zu definieren als „Antagonismus zwischen Schwarzen und Weißen“ suggeriert unterschwellig, Rassismus sei unabhängig von bestimmten historischen Konstellationen einfach so da, wo hellhäutige und dunkelhäutige Menschen aufeinandertreffen. Rassismus gibt es aber nur in einer Gesellschaft, in der ethnische Sortierung und Hierarchisierung den Bedürfnissen der herrschenden Klasse einer solchen Gesellschaft dient, d.h. in in Nationalstaaten aufgeteilten Klassengesellschaften. Und eine solche ethnische Sortierung und Hierarchisierung kann je nach historischen Gegebenheiten absolut jede beliebige Gruppe von Menschen treffen. In den USA ist die rassistische Abwertung von Schwarzen die häufigste Form rassistischer Diskriminierung. In Europa ist die rassistische Abwertung von weißen OsteuropäerInnen oder JüdInnen eine sehr häufige Form rassistischer Diskriminierung. Im japanischen Imperialismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die rassistische Abwertung von KoreanerInnen und ChinesInnen mit Genozid einhergehende Staatsdoktrin. In Italien lebte ein bedeutender Teil der politischen Rechten des wohlhabenden Nordens jahrzehntelang primär von rassistischer Abwertung der Bevölkerung des armen Süditalien, die als schmutzige, faule, kriminelle Schweine verunglimpft wurden. In John Steinbecks „Früchte des Zorns“ wird großartig beschrieben, wie die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, in der hunderttausende verarmte Menschen aus den Staaten des mittleren Westens auf der verzweifelten Suche nach Arbeit ins noch vergleichsweise wenig getroffene Kalifornien strömten, auf einmal dazu führte, dass sich unter den alteingesessenen KalifornierInnen ein richtiger Rassismus gegen die Zuwanderer aus Oklahoma oder Kansas entwickelte. Rassismus ist Ausdruck einer von der Barbarei der kapitalistischen Klassengesellschaft gezüchteten Wahnvorstellung und nicht Konsequenz aus Beobachtung der Wirklichkeit. Er braucht keine auffallenden physischen Unterschiede zwischen zwei Gruppen von Menschen, um die eine für minderwertig zu erklären und zu diskriminieren. Rassismus ist ein soziales Verhältnis, das manchmal mit tatsächlichen oder angeblichen biologischen Unterschieden legitimiert wird – oft genug aber auch nicht. Und Rassismus per se als Antagonismus von Schwarz und Weiß zu fassen, ob nun mit großem oder kleinem Anfangsbuchstaben, macht den Fehler, eine bestimmte Form, die der Rassismus unter bestimmten historischen Bedingungen angenommen hat, zur Essenz des Rassismus zu erklären.

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