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#AltWoke Manifest1

von ANON

übersetzt von Eric M. und Sam JK

altwoke-manifest

Einleitung

In unserem aktuellen Sprachgebrauch gibt es keinen Begriff, der allgegenwärtiger, unausstehlicher und selbstherrlicher ist als “woke”. Woke ist die Politik der Sicherheitsnadeln,2 der masturbatorischen Symbolik und des Virtue Signaling einer entleerten Linken, von der Welt isoliert durch Algorithmen, Filterblasen und Browser-Erweiterungen, die Bilder von Donald Trump durch Pinterest-Rezepte ersetzen.

“Woke” ist allerdings eine Fehlbezeichnung – statt “wach” zu sein, ist eine solche Politik verschlafen und kurzsichtig. Woke ist ein Safe Space für die leicht ablenkbaren und defensiven Inzuchtkinder der Popkultur. Woke ist die Linke, die in Fötusstellung zusammengekauert Think Pieces über Broad City kritzelt, während ihre Rechte unter den Füßen eines aufsteigenden Faschismus zertrampelt werden, sowohl national wie auch global.

  • Woke ist der ‘easy button’: Es bekämpft Ungerechtigkeit, indem es Videos von Polizeibrutalität mit einem Echo von Empörung teilt.
  • Woke ist jeder Ironie beraubt: Es teilt HuffPo-Artikel über Gentrifizierung aus Eigentumswohnungen in Flatbush und Oakland.
  • Woke ist Alchemie: Es transmutiert unterdrückte Identitäten in Werbekampagnen, Trendberichte und neue Demografien, die es zu vermarkten gilt.
  • Woke ist poptimistisch: Es glaubt es wäre bereits Fortschritt, wenn Jaden Smith das Gesicht von Louis Vuitton wird.
  • Woke gibt sich mit dem Status quo zufrieden; Es wäre vollkommen zufrieden, wenn morgen ein weiterer wirtschaftlicher Zusammenbruch eintritt, solange die Verursacher*Innen ausreichend intersektional waren.
  • Woke ist ein scheinheiliger Grammar Nazi, der verbissen – aber zahnlos – die Phrasierung des „Hör auf, dich selbst zu schlagen“ des Mobbers kritisiert. Woke ist zu ethisch für sein eigenes Wohl.
  • Woke ist die Offenbarung der neuen evangelikalen Linken. Woke ist das gefestigte Versagen der Linken in ein einsilbiges Schlagwort destilliert. Ein Jammern in die digitale Landschaft hinein, mit einem Hashtag vorangestellt, das jedesmal zum selben Schluss führt: #Woke ist die buchstäbliche Antithese des Fortschritts.

Katalog des Versagens der woken Linken

1. Moderate Liberale

Die moderate Linke missbraucht theoretische Begriffe und Konzepte, geschieden von jeglicher wirklicher Theorie. Trotz ihres akademischen Ursprungs gedeiht die Identitätspolitik am besten in den sozialen Medien – für moderate Liberale ist sie das am einfachsten zugängliche Konzept.

“Wenn Identität nur ein Spiel ist, wenn sie nur ein Prozedere von lustvollen – sozialen und sexuellen – Beziehungen ist, die neue Freundschaften ermöglichen, dann ist sie brauchbar. Aber wenn Identität zur Frage sexueller Existenz wird, und wenn Leute glauben, daß sie ihre „eigene Identität aufdecken“ müssen und daß diese zum Gesetz werden muß, zum Prinzip, zum Code ihrer Existenz; wenn sie beständig die Frage stellen „Entspricht das meiner Identität?“, dann kehren sie zurück zu einer Ethik, die der der alten heterosexuellen Männlichkeit sehr nahe ist. Wenn wir zur Frage der Identität Stellung nehmen müssen, dann sollte es um eine Identität zu unserem eigenen Selbst gehen. Aber die Beziehungen zu uns selbst, sind keine identitären; viel eher sind sie Beziehungen von Differenzierung, Kreierung und Erfindung. Stets dasselbe zu sein ist wirklich langweilig. Wir müssen Identität nicht verwerfen, wenn Leute dadurch ihr Vergnügen finden, aber wir müssen Identität auch nicht als eine ethisch universale Regel verstehen.” 

— Michel Foucault, “Sex, Macht und die Politik der Identität” (1982)

Die Identitätspolitik wurde jedoch zum Fluch. Sowohl die Moderaten als auch die Radikalen waren nur zu begierig darauf, unterdrückte Identitäten zu evangelisieren. Es blieb kein Raum für Diskussion, für Debatte. Call outs, Klatschen und andere Patisserien des Reality-TV haben die Dialektik ersetzt.

Repräsentation ist für den gemäßigten Liberalen der Litmus-Test für gesellschaftlichen Fortschritt – die Gesellschaft erscheint inklusiver und vielfältiger, weil “Orange is the New Black” eine weibliche Hauptrolle und einen multi-ethnischen Cast hat. Die gemäßigten Liberalen leben in einer unendlichen, kuratierten Echokammer aus Think Pieces, Listicles, Benachrichtigungen und Retweets.

Innerhalb ihres algorithmischen Ghettos teilen alle dieselbe Meinung über Gesellschaft. Der Algorithmus lässt ihre kleine Welt größer erscheinen als sie ist, was schließlich dazu führt, dass die Gemäßigten ihre eigene Kurzsichtigkeit auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen.

Mit ihren überparteilichen Kompromissen wurde der Gemäßigte zum Geburtshelfer der Alt-Right. Gemäßigten Liberalen reicht es letztlich aus, Vertrauen für ihre gepriesene Demokratische Partei zu gewinnen, während diese weiter nach rechts rutscht und damit einen Diskurs untermauert, welcher der extremen Rechten freundlich gesonnen ist. Man muss es sich in Erinnerung rufen: Das Ende des 20. und der Anfang des 21. Jahrhunderts waren Perioden harter Kooperation zwischen Liberalen und Konservativen, die den heutigen Autoritarismus ins Leben riefen.

Der Neokonservatismus lieferte die sozio-politische Planung, welche die neoliberale ökonomische Agenda komplementierte. Deshalb beschuldigt die radikale Linke ja sowohl die Liberalen als auch die Konservativen für „command and control policing“, Massenüberwachung und Begründung der endlosen Kriegsführung dieses Jahrhunderts.

Die gemäßigten Liberalen lieferten und adaptierten die nötigen theoretischen Frameworks um strukturelle Unterdrückung wegzuerklären, die aber gleichzeitig den Anschein wahrten, sie würden sich um Rassismus und Gleichheit über überschneidende Spektren von Geschlecht und Sexualität sorgen.

Das alles war eine offensichtliche Farce, die wirklichen Fortschritt mystifizierte. Die extreme Rechte nutzte diese Situation aus, da sie in Wirklichkeit keine ernsthaften politischen Rückschläge in Kauf nehmen musste. Der Liberalismus lieferte einen Inkubator für die Formierung der Alt-Right, indem sie wirkliche Forderungen nach Veränderung besänftigte.

“Bleibt politisches Agieren ohne Leidenschaft kaltherzig, bürokratisch und technokratisch, so droht unhinterfragtes Vertrauen auf Emotionen zu einem libidinös gesteuerten Surrogat tatsächlichen Handelns zu werden. In einer solchen »Politik« geht es mehr und mehr um persönliche Bestätigung, sie bemäntelt das Ausbleiben strategischer Erfolge.” 

— Nick Srnicek und Alex Williams, “Die Zukunft erfinden.” (2016)

2. Die radikale Linke

Wenn der Liberale der evangelikale, kontinuierlich empörte Apostel der woken Linken ist, dann ist der Radikale der heilige Augustinus – der Oberpriester, der Lehrmeister. Der Radikale ist die Avantgarde, welcher die akademische Welt und den Aktivismus bewohnt und eine Sprache und Atmosphäre der Kritik erschafft.

Seine Ideologie sickert [trickle-down] von den Intellektuellen an den Universitäten hinab zu den moderaten Liberalen auf Social Media und seit neuestem auch der Alt-Right (z.B. Culture Jamming in Form von „Meme Magic“ oder die Synthese von Identitätspolitik und weißem Nationalismus mittels Identitarismus).

Radikale haben die Liberalen zu ihren Sündenböcken gemacht und sich selbst von jeglicher Verantwortung freigesprochen, indem sie nur Kritiken, aber keine greifbaren Antworten geliefert haben.

Hinsichtlich ihrer strategischen Ausrichtung ist die gegenwärtige Inkarnation der radikalen Linken ein Fossil und muss unmittelbar re-modelliert werden.

Der Radikale hat es sich in der Peripherie der Akademie und des Aktivismus nur allzu bequem eingerichtet. Radikale Akademiker*Innen und Aktivist*Innen sind nicht nur durch Algorithmen von der Welt abgeschirmt, sondern auch durch ihre eigene Obsoleszenz. Der radikale Akademiker hat es nicht geschafft, die Lücke zwischen Intellektuellen und dem Rest der Gesellschaft zu überwinden.

Das heißt: Intellektuelle haben versagt, die gegenwärtige Hegemonie und Normativität zu untergraben. Akademiker*Innen haben nicht genug getan um auch in die Welt abseits der Universitäten einzugreifen und die öffentliche Bildung positiv zu reformieren. Intellektuelle haben versagt, die Naturwissenschaften früh genug zu politisieren. Intellektuelle haben die Programmierer- und Hacker Kultur an den Neoliberalismus und Libertäre verloren. Die Computerwissenschaften haben Cyberpunk zu Gunsten des Silicon Valley Venture-Kapitalismus aufgegeben.

Hätten radikale Akademiker*Innen Erfolg gehabt, gäbe es vielleicht mehr Legitimität im Kampf gegen den Klimawandel. Vielleicht wäre auch der traditionelle Journalismus nicht so einfach von der post-faktischen Informationsökonomie überrollt worden. Stattdessen haben wir eine neue Scholastik, mit Studierenden & Professor*Innen als Klerus, beherrscht von einem emotionalisierten, anti-intellektuellen populistischen Block.

“Learning surrenders control to the future, threatening established power. It is vigorously suppressed by all political structures, which replace it with a docilizing and conformist education, reproducing privilege as wisdom. Schools are social devices whose specific function is to incapacitate learning, and universities are employed to legitimate schooling through perpetual reconstitution of global social memory. The meltdown of metropolitan education systems in the near future is accompanied by a quasi-punctual bottom-up takeover of academic institutions, precipitating their mutation into amnesiac cataspace-exploration zones and bases manufacturing cyberian soft-weaponry.” 

— Nick Land, “Meltdown” (1994)

Der radikale Aktivist hat seinen Sinn für Widerstand verloren. Es gibt keine radikalen im Kongress- Es gibt keine radikalen Gesetzgeber. Keine radikalen Richter. Community Organizing ist nützlich, aber noch lange nicht ausreichend. Um relevant zu bleiben müssen Radikale ihren Horizont erweitern und sich an das verändernde globale Klima anpassen.

“Im Übrigen gehört die Vorstellung, es gebe die eine Organisationsform, Taktik oder Strategie, die sich auf jedwede Auseinandersetzung anwenden lasse, zu den gleichermaßen verbreiteten wie ziemlich bedenklichen Überzeugungen in der heutigen Linken. Am Anfang eines jeden politischen Projekts stehen unausweichlich strategische Überlegungen – über Mittel und Ziele, Gegner und Verbündete. Angesichts der Natur des globalen Kapitalismus erfordert eine postkapitalistische Politik ein ambitioniertes, theoretisches, vermitteltes, komplexes und globales Herangehen – etwas, das folkpolitische Ansätze nicht zu bieten haben.” 

— Nick Srnicek und Alex Williams, “Die Zukunft erfinden” (2016)

Was ist #AltWoke?

1. Theoria

Altwoke ist ein neues Erwachen der postmodernen Linken um das proteische digitale Zeitalter zu navigieren. Altwoke lässt sich als die neue Neue Linke beschreiben. Oder als Neomarxismus der zweiten Welle. Die Post-Truth Linke. Antiliberale, postkapitalistische Linke. AltWoke ist die Antithese zum Silicon Valley Techno-Neoliberalismus. AltWoke ist nicht der Kult von Kurzweil. AltWoke ist nicht einfach die linke Entsprechung der AltRight. AltWoke injiziert wieder Planung in linke Politik. Altwoke unterstützt das bedingungslose Grundeinkommen, Biotechnologie und radikale Energiereformen zur Bekämpfung des Klimawandels, offene Grenzen, neue Formen der Stadtplanung und die Liquidierung westlicher Hegemonie. AltWoke sieht Gelegenheit in der Katastrophe. AltWoke entreißt den Futurismus aus den Klauen des Faschismus. David Harvey ist #altwoke. Die situationistische Internationale ist #altwoke. Lil B ist #altwoke. Jean Baudrillard ist #altwoke. Kodwo Eshun ist #altwoke, Mark Fisher ist #altwoke, Roberto Mangabeira Unger ist #altwoke. Edward Snowden ist #altwoke. Daniel Keller ist #altwoke. Chelsea Manning ist #altwoke. Theo Parrish ist #altwoke. William Gibson ist #altwoke. Holly Herndon ist #altwoke. Frantz Fanon ist #altwoke. Alvin Toffler ist #altwoke.

2. Poiesis

  • Anti-liberal, Linksakzelerationismus.3 Revolution ist langsam und graduell. Technologie, Medien, der Weltmarkt und Kultur beschleunigen den Prozess.
  • AltWoke begrüßt die post-faktische Informationsökonomie als pädagogisches Werkzeug.
  • Kultur ist wichtiger als Politik [policy].
  • Trickle-Down Ideologie; AltWoke affirmiert Normalisierung & Hyperrealität.
  • Memetischer Gegenaufstand; Culture Jamming ist die Waffe der Wahl um Normalisierung in die Richtung zu lenken, die wir wollen.
  • Xenofeminismus. Technologie ist die fehlende Komponente intersektionaler Politik. Eurozentrismus und Phallozentrismus sind obsolet, trotz größter Anstrengungen der Rechten. Queer ist ein Verb, kein Nomen. Wenn die Natur unterdrückerisch ist, dann verändert die Natur. Normalisiert „Devianz.“
  • Wiederaneignung von Globalismus als persönlichem Lifestyle.
  • AltWoke ist doppelzüngig, amoralisch und problematisch. Aber es ist auch gewissenhaft. Die Zwecke rechtfertigen immer die Mittel. Die Rechte schlägt tief, also schlagen wir tiefer, härter und ohne Gnade.
  • AltWoke ist der Zukunft gegenüber vorsichtig optimistisch eingestellt.

Vorwort zur Praxis

Warum den Linksakzelerationismus unterstützen?

Innerhalb der Linken ist der Akzelerationismus ein umstrittener und abgenutzter Begriff. Um wirklich zu verstehen, was der Akzelerationismus ist, muss man zunächst verstehen, was er nicht ist. 

Der Akzelerationismus schlägt nicht vor, den Kapitalismus solange zu expandieren und erodieren zu lassen, bis seine korrosiven Widersprüche so unerträglich werden, dass den Unterdrückten und der arbeitenden Klasse nichts anderes übrig bleibt, als sich zu erheben. #AltWoke würde ein solches simplistisches und albernes Framework ebenfalls niemals verfechten.

In seiner neutralen Ausrichtung ist der Akzelerationismus die Idee, dass der Neoliberalismus so stark wächst – wirtschaftlich, technologisch und global -, dass seine sozialen Widersprüche so stark zunehmen, dass sein „Zusammenbruch“ nicht nur unvermeidlich wird, sondern ein Vakuum für neue integrierte soziale Plattformen schafft. Das bedeutet, dass der Spätkapitalismus  wie schon der Feudalismus vor ihm  vorübergehend ist und bereits andere sozioökonomische Ideologien ausbrütet, die ihn letztlich ersetzen werden, zumal er jetzt schon an seine Grenzen stößt.

In seiner rechten Ausrichtung ist der Akzelerationismus ein Schisma: Neoreaktion (NRx) ist ein radikaler Libertarismus der sich in Richtung der ultimativen Schlussfolgerung des Neoliberalismus beschleunigt: Plutokratischer, corporate monarchism (z.B. der Mensch als Nation [man as nation]). Die zweite Option innerhalb des rechten Akzelerationismus ist die Alt-Right, weiße Identitätspolitik, die sich in Richtung der endgültigen Konklusion des Kapitalismus beschleunigt: Techno-Faschismus.

Der Linkskzelerationismus beharrt darauf, dass der einzige Weg aus dem Kapitalismus durch ihn hindurch führt. Es ist offensichtlich geworden, dass der Kapitalismus an seine Grenzen stößt und sich nicht länger behaupten kann. Die Verflechtung von Kapitalismus und Demokratie war bisher eine mächtige Blockade im Kampf der Linken gegen die Strukturen der Macht. Doch in dieser Spätphase droht die Scheidung von Kapitalismus und Demokratie unmittelbar bevorzustehen.

Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne, meine Herren, stimme ich für den Freihandel. 

Karl Marx, „Rede über die Frage des Freihandels“ (1884)

Linksakzelerationismus ist eine Rehabilitierung des Marxismus, der die vertikale Tektologie synthetisiert. Er antizipiert den Zusammenbruch des Kapitalismus, funktioniert Wachstum und Technologie um und wendet ihn gegen seinen Vorläufer und nudged den Kollaps Richtung einer linken Konter-Hegemonie. Der Kapitalismus liefert uns die Effizienz integrierter Netzwerke, liefert uns die Werkzeuge um die Ungleichheiten seines raffgierigen Wachstums zu bekämpfen. Eine sozialistische Gesellschaft jenseits der Knappheit kann sich durch die Technologien, die der Kapitalismus produziert, erhalten. 

“The paradox of free-market communism is even more dramatic: the terms are strongly charged, ideological polar opposites, designating a kind of Mexican standoff between capitalism, on the one hand, and its archenemy and would-be grave digger, on the other. But the point of combining the terms free market and communism in this way is to deploy selected features of the concept of communism to transform capitalist markets to render them truly free and, at the same time, to deploy selected features of the free market to transform communism and free it from a fatal entanglement with the State.”

Eugene W. Holland, “Nomad Citizenship: Free-Market Communism and the Slow-Motion General Strike” (2011)

Der Beschleunigungsprozess ist schon längst in Gange und niemand außer den dogmatischsten und naivsten Beltway-Libertären würde das Gegenteil behaupten. Der Linksakzelerationismus ist eine Alternative zu klassischen Ansätzen wie Reform oder Revolution und versucht, das Machtgefüge aus dem Inneren der Macht heraus umzugestalten. Gleichzeitig verzichtet er aber auch nicht vollständig auf Ansätze wie Reform oder Revolution.

Linksakzelerationismus ist eine Synthese des Marxismus mit vertikal-skalierter Tektologie. Es ist Gramsci via Debord und David Harvey via Deleuze.

Warum eine Post-Fakten-/Post-Truth Informationsökonomie akzeptieren?

Wie es jetzt aussieht sind Narrative wichtiger als Fakten. Medien und Kommunikation sind so stark beschleunigt, dass beide Seiten des politischen Spektrums fest in einem Kampf um Konsens verstrickt sind. Herkömmliche Pädagogik funktioniert in dieser Situation nicht mehr. Die Linke schadet sich selbst, indem sie diese Tatsache nicht zu ihrem Vorteil nutzt.

“Sometimes people hold a core belief that is very strong. When they are presented with evidence that works against that belief, the new evidence cannot be accepted. It would create a feeling that is extremely uncomfortable, called cognitive dissonance. And because it is so important to protect the core belief, they will rationalize, ignore and even deny anything that doesn’t fit with the core belief.”

Franz Fannon, “Black Skin, White Masks” (1952)

Warum ist Kultur wichtiger als Politik [policy] ? Warum Memetik als Waffe einsetzen? Was ist “trickle down ideology” ? Warum Hyperrealität und Normalisierung unterstützen?

Kultur ist das Barometer der Gesellschaft. Keiner scheint das Meme, das von Marshall McLuhans allzu oft wiederholter Phrase „das Medium ist die Botschaft“ entfesselt wurde, so ernst genommen zu haben wie Joshua Meyrowitz. „No Sense of Place“ untersucht, auf welche Weise das Fernsehen die Gesellschaft veränderte, indem es den gesellschaftlichen Zugang zu Informationen beeinflusst hat.

Meyrowitz formuliert eine klare Theorie der Informations-Macht-Systeme und bespricht Wege, wie diese durch das Fernsehen aufgelöst werden. Am Ende des Buches wählt Meyrowitz drei spezifische Themen: die Verschmelzung von Kindheit und Erwachsensein, die Verschmelzung von Männlichkeit und Weiblichkeit und die Abwertung des politischen Helden durch die Entmystifizierung der Macht.

Meyrowitz ist der Auffassung, dass sich viele gesellschaftliche Gruppierungen und Feindseligkeiten durch den Zugang zu und die Einschränkung von Informationen und Räumen ergeben. 

Durch die Trennung von Information und Raum entspannen sich die Grenzen zwischen sozialen Gruppen. Beispielsweise brachte die Fernsehsendung „The Jeffersons“ weiße Familien in ihren Wohnzimmern in das Wohnzimmer einer schwarzen Familie; und die Berichterstattung über den Krieg in Vietnam brachte den Krieg in eindringlichen [visceral] Details nach Hause.

Memes sind Ideologien, die destilliert, neu verpackt und bereit für die virale Verbreitung sind. Das Internet ist so etwas wie eine KI: ein Kommunikationsnetzwerk, das wie eine eigenständige, souveräne Entität operiert. Social-Media-Plattformen und andere Kommunikationstechnologien beschleunigen den Fluss von Ideen und umgehen die Beschränkungen, die von den traditionellen Medien auferlegt wurden.

Ein Journalist in New York kann über Twitter mit einem Senator in Washington in Kontakt treten. Ein fehlgeleiteter 17-Jähriger aus Wisconsin, der seine politische Bildung von /Pol, Breitbart oder Reddit erhält, kann ebenfalls an diesem Dialog teilnehmen und ihn unterbrechen [disrupt]. Leider ist dies bereits der beste Fall. Ideologie ist ein memetischer Virus. Memes sind ein aufständiges Medium. Das Internet ist eine aufständige Technologie [insurgent technology].

“Das Spektakel stellt sich zugleich als die Gesellschaft selbst, als Teil der Gesellschaft und als Vereinigungsinstrument dar. Als Teil der Gesellschaft ist das Spektakel ausdrücklich der Bereich, der jeden Blick und jedes Bewußtsein auf sich zieht. Aufgrund dieser Tatsache, daß dieser Bereich abgetrennt ist, ist er der Ort des getäuschten Blicks und des falschen Bewußtseins; und die Vereinigung, die es bewirkt, ist nichts anderes als eine offizielle Sprache der verallgemeinerten Trennung. Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.”

— Guy Debord, “Gesellschaft des Spektakels”, (1978)

Was ist Xenofeminismus?

Xenofeminismus ist eine Form des Linksakzelerationismus und kann entsprechend als AltWoke’s Antwort auf die Identitätspolitik gelesen werden. Oder genauer gesagt, kritisiert sie die liberale „Privileg“-basierte Identitätspolitik und re-situiert die linke, auf “kritischer Theorie” basierende Identitätspolitik in einem technologischen Rahmen.

Innovation ist eine Folge des Wachstums des Kapitalismus, daher ist es unverantwortlich zu ignorieren wie Macht nicht nur durch Strukturen wie den Kapitalismus, sondern auch durch seine Inkarnationen wie Rassismus, Kolonialismus und Heteronormativität funktioniert.

Bei der Betrachtung der Geschichte ist es unerlässlich sich zu fragen wie sich Technologie verändert und Einfluss darauf nimmt, wie Menschen Informationen kommunizieren, verbreiten und verarbeiten. Dies sollte immer von einem intersektionellen Bezugsrahmen aus betrachtet werden.

AltWoke ist nicht so sehr gegen die Identitätspolitik an sich, als vielmehr gegen die reduktionistische, zweidimensionale Repräsentation als Kern liberaler Identitätspolitik. Dieser Denkweise mangelt es an Schärfe und sie entwickelt sich oft zu belanglosen Auseinandersetzungen über einzelne Formulierungen und wer mitmachen darf. Schlechte Politik existiert allerdings in jeder Form von Repräsentation.

Hegemonie operiert so, dass sie jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens im Spätkapitalismus durchdringt, was aber nicht immer offensichtlich ist – ihre Existenz muss offengelegt werden. Die fragwürdigere Verkörperung der Kultur vermittelt, wer der Anerkennung, Bewunderung und letztlich dem Leben würdig ist und wer nicht. Der Weiße Mann™ ist nach wie vor der dominante Kanal, durch den der Kapitalismus operiert.

Es findet jedoch ein nicht zu leugnender kultureller Wandel statt. Der Chauvinismus des westlichen Exzeptionalismus, Essentialismus und auch der zentrale Eckpfeiler, das „Weißsein“, sind sozio-politische Sackgassen. Das System verharrt in unmöglichen Paradigmen, während nicht-weiße, nicht-westliche und nicht-binäre Identitäten den Prozess beschleunigen. Die westliche Welt bröckelt, während sich China auf dem Weg zur Großmacht beschleunigt. Dass Popmusik heute ein Synonym für R&B ist, ist kein Zufall. Hip-Hop, Techno, House und Footwork schließen die Lücke zwischen Avantgarde und Pop, indem sie Sprache, Form, Timbre und Ästhetik auf fremdartige Höhen [alien plateaus] beschleunigen.

Ist es ein Wunder, dass „Cuckold“ das liebste Schimpfwort der Alt-Right ist? Die alte Garde rechtfertigt Unterdrückung und Ungleichheit als unveränderlich und „natürlich“. Der deviante Andere bedroht diese „natürliche“ Hierarchie. Die Normalisierung der Devianz ist das ultimative Form des Culture Jamming. Cuckoldry ist deviant, und die Devianz ist Avantgarde. #BlackPopMatters.

Warum den Globalismus befürworten und wieder aneignen?

AltWoke versteht die „Nation“ als Informationsnetzwerk und Bürger -> Nutzer. Die Gouvernanzstruktur des Internets schafft die Subjektivität der Macht, des Nutzers, in der gleichen Weise wie die Erfindung des Staates die Subjektivität der Bürger schuf. Global Scale Computation hat eine neue regierende rhizomatische Architektur geschaffen. Alle Systeme sind in Plattform-Stacks integriert, und damit sind auch Nationen und Regierungen nur eine weitere Komponente im Internet der Dinge (IoT).

Alle Menschen sollten das Grundrecht besitzen in allen physischen Räumen zugelassen zu werden. Politik hat nichts mit physischem Territorium zu tun. AltWoke-Akzelerationismus trennte das Land vollständig von der Politik, nachdem er erkannt hatte, dass politische Gruppierungen a-räumliche [aspatial] Netzwerke sind: informationell, kybernetisch.

Das alte Paradigma war die politische Einordnung nach Blut, Land und schließlich Sprache. All das waren Netzwerke. Cyberspace ist ein künstliches Netzwerk, ebenso wie Blut, Land und Sprache. Es ist sogar noch besser, da es verzögerungsfrei ist. Wer Politik als die Verteidigung von Land, Nation, Ethnie oder Linguistik betrachtet, gehört zur alten Garde; diese hat nachweislich Unrecht und steht zwischen den Menschen und ihrer Freiheit.

“Geology is sensible of itself in so much as it has an ordering logic, if it is articulate in its stratifications, reading pebbles, rocks, various kinds of matter, sorting, organizing (Roger Caillois calls this agency ‘computational’), folding, compacting the biological slime of the earth into its various layers.”

— Kathryn Yusoff, “Anthropogenesis: Origins and Endings in the Anthropocene” (2015)

Die amerikanische Nation entstand aus den wirtschaftlichen Aktivitäten der dreizehn Kolonien, die mit gemeinsamen Standards wie Schifffahrtsplänen und kommerzieller Infrastruktur operierten, sich zu einem Bewusstsein des Miteinanders entwickelten und die Ähnlichkeit der Teilnehmer am Netzwerk annahmen.

Nationen sind koextensiv mit Land –  nicht etwa deshalb, weil das Land eine Verbindung zu Blut oder Biologie hat (der Irrtum des historischen Faschismus und des zeitgenössischen Nationalismus, die Verherrlichung des Bodens), sondern weil die physische Geographie des Landes die darüber gelegten Netzwerke bestimmte.

So wurde beispielsweise Europa schon lange in Nationalitäten und Völker aufgeteilt, die durch Gebirgszüge, Meere und weite Entfernungen getrennt und durch Veränderungen dieser physischen Geographie zusammengeführt wurden (siehe: Spaniens Hegemonie über Europa und sein fantastisches Straßensystem vor 1648).

Heute gedeiht der Paneuropäismus auf der Tatsache, dass Autobahnsysteme, Schifffahrt und die Durchlässigkeit der Staatsgrenzen diese Hindernisse im Namen eines gemeinsamen Zugangs zum europäischen Netzwerk verringert oder vernichtet haben. Er scheitert jedoch daran, dass er nicht sieht, dass dieselben Kräfte, die den Paneuropäismus antreiben, auch in Richtung einer globale Gesellschaft deuten.

Mit der Entkopplung des Informationsnetzwerks vom Ort wird also die Bestimmung des Ortes über das Netzwerk, des Ortes über den Benutzer, des Ortes über das Selbstverständnis dieses Benutzers, mit anderen zu interagieren, so weit reduziert, dass in einer globalisierten Welt der Benutzer mit seinem physischen Nachbarn im selben Netzwerk interagiert, wie er mit jemandem in einer anderen (Stadt/Staat/Nation/Region) interagiert, so dass sich notwendigerweise ein planetares Bewusstsein bildet.

Warum ist #AltWoke amoralisch?

Kurze Antwort: Weil Politik amoralisch ist. Lange Antwort: So wie es aussieht, brechen die politischen Infrastrukturen der westlichen Regierungen zusammen. Die Rechte verfestigte ihren Würgegriff an der strukturellen Macht. Der Rechts-Akzelerationismus ist seinem linken Pendant mehrere Schritte voraus.

In Amerika implodiert die GOP und die Alt-Right ersetzt allmählich diese obsolete Partei. Die Rechte ist vulgär, also hören wir auf, den moralisch überlegenen Weg zu gehen, und sind noch schmutziger. Die Linke hat keine strukturelle Macht, und das Risiko ist viel zu hoch. Wir stehen wirklich in der Gefahr, alles zu verlieren.

Die traditionellen Mittel linker Praxis sind gegen diese aufsteigende Suprastruktur wirkungslos. Darum zu bitten, dass jedes Individuum aus freien Stücken die Menschlichkeit ethnischer, rassischer und sexueller Minderheiten respektiert, ist naiv. Es bedarf weitaus trügerischer und subversiverer Methoden, damit die politische Linke überhaupt eine Veränderung bewirken kann. #Alt-Woke Praxis ist, wenn überhaupt, eine Wiederaneignung von Vladislav Surkovs Idee der „nonlinearen Kriegsführung“. Wir kämpfen nicht fair. Wir werden nicht höflich sein. Wir widersetzen [resist] uns nicht der Macht, wir ergreifen sie.

3. Praxis

Die Frage der AltWoke Praxis ist auch die Frage der linksakzelerationistischen Praxis: Wie organisiert man sich politisch? AltWoke Praxis hat zwei modale Strukturen: Praxis der rechten Hand & Praxis der linken Hand. Oder, die Hand, die zuschlägt & die Hand, die umgestaltet. PRH nutzt die Brüche innerhalb der Alt-Right und bricht alle Hindernisse, um den Weg frei zu machen, damit PLH das Overton-Window verschieben kann. PLH nutzt bestehende Technologien, Netzwerke und Machtstrukturen neu, um eine Konterhegemonie zu initiieren. PLH treibt die Kernprinzipien von AltWoke voran, ohne sich jemals ausdrücklich zu diesen zu bekennen. Vertraulichkeit ist für PLH von entscheidender Bedeutung, so dass es hier nicht aufgeführt wird, aber die Aneignung einer multinationalen Corporate Identity ist ein entscheidender erster Schritt.

Praxis der rechten Hand

  • Alt-Right Gegenüberwachung. Durchdringt ihre Räume, zerstört [disrupt] ihre Safe Spaces. Brecht aus eurer Filterblase aus, lernt ihre Sprache. Lernt, wer sie sind und was sie glauben. Freundet euch mit ihnen an, nur um sie auszuspionieren. Doxt die Doxer.
  • Nutzt die Paranoia und Affinität der Rechten zu Pseudowissenschaften aus. Wenn sie glauben, dass Nahrungsergänzungsmittel ihr Testosteron steigern oder Aluhelme Telefonsignale stören, dann beutet diesen Markt aus.
  • Direct Action Hacktivismus. Durchdringt SEO. Macht #altwoke viral. Twitter bot Agitprop.
  • Eignet euch die postfaktische Kultur an. Verschwörungstheorien haben eine hohe memetische Kraft. Die Linke erweist sich selbst einen Bärendienst, wenn sie keine eigenen entwirft. Sprecht ihre Sprache, um sie überzeugend zu machen: „Peter Thiel ist ein Mitglied der Bilderberger!“
  • Nutzt ihre Widersprüche aus: Die Idee menschlicher Biodiversität ist mit traditionellem Katholizismus unvereinbar. Weiße Nationalisten denken, dass Identitäre bloß unfähige Querfrontler sind. Treibt sie weiter in ihre eigenen Filterblasen hinein und aus den Wahlkabinen heraus.
  • Agitiert linke Demonstrationen. Je mehr der woke, horizontale Linke marschiert, desto besser. Es lenkt jede mögliche Aufmerksamkeit von der Praxis der linken Hand ab.

#Alt-Woke Manifesto ist das Werk von ANON. Wir sind ein Kollektiv “Anderer”. Manche von uns sind Sexarbeiter*innen, manche Imigrant*innen, viele von uns queer. Es sind sogar ein paar priviligierte weiße Cucks unter uns. Nichtdestotrotz ist ANON größtenteils das Werk und geistige Kind von People of Color (PoC). Unsere sozialen Disziplinen sind so vielfältig wie unsere Identitäten, von Journalist*innen bis zu Dominas. ANON sind die geistigen Cousins von #BlackLivesMatter, geschieden vom Liberalismus. 

Fußnoten

Alle Fußnoten & Anmerkungen stammen von den Übersetzern.

1. Original: [link]

2. Zu Safety-Pin Politics, siehe [link]

3. Zum Linksakzelerationismus, siehe auch das Manifest für eine akzelerationistische Politik [link]

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