Estimated Reading Time: 3 minutes

What we can learn from political opponents

Published in Praxis on 28.06.2019


von Franzi

Die politische Linke kapselt sich ab. Sie zersplittert sich immer wieder in miteinander verfeindete und identitär aufgeladene Kleinstgruppen. Dies ist auch im Diskussionsverhalten linksradikaler Personen erkennbar. Gefangen in ihrer eigenen „Filterbubble“ haben Linke es aufgegeben, mit dem politischen Gegner zu diskutieren. Sie streben nicht nach mehr Einfluss auf die Gesellschaft, sondern wollen sich in ihrer Bubble wohlfühlen.

Da, wo alle ohnehin zum überwiegenden Teil die gleiche Meinung vertreten, gibt es kaum Widerspruch und Widerstand. Durch den Rückzug in die Wohlfühlzone haben wir verlernt, mit Kritik umzugehen. Wir verlernen, unsere eigenen Standpunkte argumentativ zu vertreten und Außenstehenden plausibel zu machen, denn in der eigenen Bubble ist das kaum mehr notwendig. Wo unsere Ansichten sowieso bejaht werden, brauchen wir keine Argumente.

Unsere Fähigkeiten der Argumentation und auch unsere psychische Resilienz im Angesicht des Widerspruchs sind ähnlich wie Muskeln. Wenn wir sie nicht betätigen, verkümmern sie. In der Diskussion mit unseren politischen Gegnern müssen wir kreativ sein, wir müssen Fakten, Argumente und rhetorische Tricks einsetzen, um die Debatte gewinnen zu können. Das verlangt viel Energie und fordert unsere Fähigkeiten heraus. Ein solcher Prozess ist natürlich anstrengend, genauso wie körperliches Training. Wir können nicht fit sein, ohne unseren inneren Schweinehund zu überwinden.

Wenn wir wirklich den Kapitalismus abschaffen möchten, müssen wir uns zwangsläufig mit dem politischen Gegner anlegen. Damit wir in solchen Situationen nicht erbärmlich untergehen, müssen wir dafür trainieren. Wir müssen dem Gegner argumentativ überlegen sein, damit sich das bisher noch nicht politisierte Proletariat uns zuwendet.

Das Projekt der Linken ist ein Projekt der Veränderung. Der Status Quo soll durch etwas Besseres ersetzt werden. Damit Menschen sich aber freiwillig verändern, damit sie für eine progressive Politik auf die Straße gehen, müssen sie von dieser Veränderung auch überzeugt werden. Unsere Gegner haben es einfach. Sie wollen das System erhalten oder einfache, populistische Antworten auf dessen Probleme liefern. Gerade die Linke ist darauf angewiesen, ihre Standpunkte verständlich und attraktiv darzustellen.

Vom politischen Gegner können wir aber nicht nur profitieren, weil er ein Sparringspartner ist, auch inhaltlich können wir einiges von jenen lernen, die unserer Argumentation nicht zustimmen. Solche Personen können höchstwahrscheinlich sogar Lücken in unserer Argumentation aufdecken. Dafür können wir sogar tatsächlich nur dankbar sein, denn es handelt sich um eine Gelegenheit zur Verbesserung unserer Theorie. Wir können im Nachgang die Lücken schließen. Wir können über unsere Argumente nachdenken und sie verbessern.

Berechtigte Zweifel lassen sich ausräumen, wenn wir unsere Argumentation überdenken und mit neuen Konzepten zusammenführen. Nur durch den Widerspruch unserer Gegner innerhalb und außerhalb der Linken befinden wir uns im kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Es kann also durchaus sein, dass KritikerInnen valide Punkte anbringen. Dann liegt es an uns, Antworten darauf zu finden. Wir müssen Konzepte ausarbeiten und zeigen, dass unsere politische Strategie und konkrete Utopie die richtigen sind. Je präziser, anschaulicher wir unsere Punkte rüberbringen können und je valider sie sind, desto mehr Zustimmung werden wir vom nicht-politisierten Proletariat erhalten.

Wir dürfen keine Angst davor haben, uns dem politischen Gegner zu stellen. Jede Diskussion ist eine Chance, die eigenen Positionen zu verbessern und mehr Menschen zu erreichen.



Related Articles