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Capitalism Only Works in Theory

Published in Theory on 31.05.2019


von Bernhard Pirkl

„Volksrepublik Walmart“ - dieser Titel des dieses Jahr bei Verso erschienenen Buches der Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalisten Leigh Phillips und Michael Rozworski enthält eine doppelte Provokation: ausgerechnet eine amerikanische Supermarktkette, die quasi metonymisch für kapitalistische Ausbeutung und Entfremdung steht, soll, wie der Untertitel verlautet, die „Grundlagen für den Sozialismus“ legen? Und die Antwort, um deren Explikation es den Autoren in dem Buch geht, beinhaltet den möglicherweise noch größeren Tabubruch: ja, denn es handelt sich bei diesem Inbegriff des zeitgenössischen Kapitalismus paradoxerweise um eine Planwirtschaft.

Assoziiert man den Begriff der Planwirtschaft heute reflexhaft und habituell mit Gulags und Hungersnöten, so überraschend wirkt die Lektüre ihrer klassischen Antipoden, Ludwig van Mises und Friedrich August von Hayek, die in „People's Republic of Walmart“ im Rahmen einer Skizze der Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus, die vor allem in den 20er Jahren geführt wurde, zu Wort kommen: noch 1935 schreibt Hayek in „Collectivist Economic Planning“, dass es kaum noch eine politische Gruppierung gäbe, die dem scheinbar willkürlichen Zusammenspiel unabhängiger Individuen der bewussten Regulierung der sozialen Angelegenheiten den Vorzug geben würde.

74 Jahre später, und 30 Jahre nach dem Untergang des Realsozialismus, zitiert Mark Fisher Hayek als einen der Diskursbegründer der Weltanschauung des „kapitalistischen Realismus“, die jede Alternative zum methodischen Individualismus der Marktideologie als Stirner'schen „Spuk“ erscheinen lässt (S. 77). Einen theoretischen Abwehrkampf gegen die Planwirtschaft zu führen, würde heutzutage geradezu absurd unzeitgemäß wirken, gilt die Idee doch als so bankrott, dass ihre bloße Nennung im politischen Diskurs bereits als Argument durchgeht. Die Kehrseite dieses Tabus ist, dass vom Individuum Planung jedoch jederzeit erwartet wird: Wie Ulrich Beck in seinem Klassiker „Risikogesellschaft“ einigermaßen visionär schrieb, muss im deregulierten Postfordismus „der Einzelne“ paradoxerweise „bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw.“ (S. 217) begreifen, und zwar in dem Maße, in dem die ohnehin immer schon beschränkte Möglichkeit von individueller Planbarkeit vor dem Hintergrund der Normalisierung von Prekarität weiter abnimmt, und zunehmend den Charakter einer Realfiktion erhält.

Die Bedingung der Möglichkeit des Sozialismus lag für Hayek zuallererst in der Planbarkeit der Ökonomie, moralphilosophische, anthropologische und psychologische Argumente, obwohl nicht irrelevant, spielten für ihn eine untergeordnete Rolle. Phillips und Rozworski lassen dem Teufel sein Recht, aber drehen den Spieß insofern um, als sie die Anhänger der Idee der überlegenen Allokationsfähigkeit des Marktes eines ungeglaubten Glaubens überführen. Wollten Mises und Hayek den Gemeinspruch, der Sozialismus funktioniere nur in der Theorie, dahingehend radikalisieren, dass er nicht einmal theoretisch möglich sei, so lautet die Antwort von Phillips und Rozworski, dass die Argumente der beiden auf dem Papier vielleicht diskutabel erscheinen mögen, in der Praxis aber widerlegt seien. Als titelgebendes Beispiel dient ihnen dabei, inspiriert durch eine Fußnote in Fredric Jameson's „Archaeologies of the Future“, die US—Supermarktkette Walmart, die laut den Autoren eine kapitalistische Planwirtschaft mit einer Wirtschaftsleistung von etwa der Größe Schwedens darstellt. Innerhalb von Walmart, so der Befund, greifen keinerlei Marktmechanismen, die Koordination von Zulieferern, Filialen und Abteilungen beruht auf Kooperation und Planung – ein Skandalon angesichts des ubiquitären Markt-Credos, wirkt es doch so, dass hier nicht lediglich supplementär auf Planung zurückgegriffen wird, sondern diese geradezu das Erfolgsrezept darstellt. Auch die Gegenprobe bleibt nicht aus: ein Unterkapitel widmet sich der ideologieinduzierten Selbstzerstörung von Sears, Roebuck & Co., eine Warenhauskette, die durch eine von Ayn Rand literarisch inspirierte, marktextremistische interne Umgestaltung an den Rand der Dysfunktionalität getrieben wurde, Milliardenverluste zu verbuchen hatte, und deren Filialen am Ende den Charme spätsowjetischer Supermärkte verströmten, mitsamt leeren Regalen und marodem Interieur, wie die Autoren mit maliziöser Ironie bemerken. Eine ideologiekritische Denkfigur von Slavoj Žižek aufgreifend, könnte man den Unterschied vom System Walmart und dem System Sears als den Unterschied zwischen zynischem und fundamentalistischen Fetischismus beschreiben: Die „true believers“ des Marktfundamentalismus gehen mit fliegenden Fahnen zugrunde, während die ironischen Zyniker, die genau wissen, dass ihr Verhalten nicht zu ihren Überzeugungen passt, reüssieren.

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Um ihrer These von der Wiederkehr der verdrängten Planung noch mehr Gewicht zu leihen, lassen Phillips und Rozworski (gewiss nicht völlig ohne Spass an der Provokation) einen weiteren Gottseibeiuns kapitalismuskritisch gesinnter Zeitgenossen auftreten, namentlich den Chef von Amazon, den „glatzköpfigen Stalin ohne Schnurrbart“ Jeff Bezos: Big Data hat einen Klassencharakter, so könnte man das Fazit der Analyse des „intensiv gemanagten Chaos“ von Amazon zusammenfassen, und kann prinzipiell in den Dienst einer vernünftigen, demokratischen Bedürfnisproduktion gestellt werden. Die Informationsmenge, die Amazon dank avancierter IT zur Verfügung steht, und die selbst die Planung antizipatorischen Versands nicht utopisch erscheinen lässt, wirft ein grelles Licht auf den informationstechnologischen Zeitkern von Hayek's Argument von der informationellen Überlegenheit der Märkte.   Phillips und Rozworski plädieren nun keineswegs für eine Rückkehr zu einer „etatistischen Kasernenökonomie“ (Robert Kurz) auf höherem Niveau. Gingen Hayek und Mises davon aus, dass Informationsdefizite zu Autoritarismus führen, vor dem uns nur der Markt retten kann, drehen die Autoren das Argument erneut um: weil autoritäre, top-down-Kommandostrukturen zur Verschlechterung von Daten führt, kann Planung nur demokratisch funktionieren, so ihre Bilanz der in zwei konzisen Kapiteln analysierten Wechselfälle der realsozialistischen Planwirtschaft.   Das letzte Kapitel „Planning the Good Anthropocene“, von dem eine Version bereits zuvor im Jacobin Magazine veröffentlicht wurde, argumentiert, wie der Titel bereits vermuten lässt, gegen marktförmige Maßnahmen gegen die Klimakrise, wie sie vor allem Liberalen und Grünen verschiedener Spielart propagiert werden. Von der weiteren Eskalation der sozialen Ungleichheit durch Flat-Taxes abgesehen, sei schlichtweg weder plausibel noch erwartbar, dass mittels des Markts eine effiziente Dekarbonisierung zu leisten sein wird. Statt für den kapitalistischen Realismus der Öko-Austerität plädieren die Autoren für eine globale, demokratisch kontrollierte Planwirtschaft zur Rettung - der Menschheit. Der Planet, so zitieren sie Stephen Jay Gould, wird es nämlich schon überleben.

Leigh Phillips & Michael Rozworski, People's Republic of Walmart. How the World's Biggest Corporations are Laying the Foundation for Socialism, Verso 2019. 248 Seiten.



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