ProletarierInnen aller Milieus, vereinigt euch!

von Dennis Graemer

Die Linke hat die ArbeiterInnen aus den Augen verloren. So zumindest lautet der Vorwurf. Und in der Tat, es ist wahr: Wer nach einem vernünftigen Klassenbegriff Ausschau hält, muss lange suchen. Bei jenen, die Arbeiterschaft und Großstadtmilieu gegeneinander ausspielen, wird man ihn jedenfalls nicht finden. Vielleicht ist es an der Zeit, mehr Marx zu wagen.

Die Latte-Macchiato-Fraktion

Man findet sie in hippen Cafés und auf dem Campus. In der Kunstakademie und bei der neuesten Aufführung des Jugendtheaters. Beim Antifa-Camp und bei Konzerten unbekannter Indie-Bands. Es geht um die sogenannte „Latte-Macchiato-Fraktion“, jene berüchtigten Großstadtlinken, denen man gerne Überheblichkeit und Weltfremdheit nachsagt.

In letzter Zeit werden Stimmen laut, die diese „Salonlinken“ für den Niedergang der Bewegung verantwortlich machen. Ein prominentes Beispiel dafür liefern Sahra Wagenknecht und ihre Getreuen. Das schlechte Ergebnis der Linkspartei bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg führen sie darauf zurück, dass sich die Partei nur noch dem „hippen Großstadtmilieu“ verpflichtet fühle. Die Konzentration auf Themen wie offene Grenzen und Klimaschutz komme bei den jungen Gebildeten gut an, ArbeiterInnen jedoch schrecke man auf diese Weise nur ab. Insbesondere Parteivorsitzende Katja Kipping steht im Verdacht, die Malocher zu Gunsten der Hipster verkauft zu haben.

Ähnliche Ideen über die gescheiterte Beziehung zwischen Linken und ArbeiterInnen finden wir in Didier Eribon’s vielrezipiertem Bestseller Rückkehr nach Reims. Der Autor wuchs als Spross einer nordfranzösischen Fabrikarbeiterfamilie auf. Er begann ein Studium der Philosophie in Reims, zog aber bald nach Paris um, wo er weiterstudierte und Anschluss an intellektuelle Kreise fand. Auch wenn er wegen seiner Herkunft immer wieder an „sozialer Scham“ litt, konnte sich Eribon als Autor etablieren, er schrieb für bedeutende französische Zeitungen wie die Libération und lehrte in Berkeley, University of California. Rückkehr nach Reims ist zur gleichen Zeit ein Selbstbekenntnis und ein politisches Pamphlet. Eribon beleuchtet die eigene Identität, beschäftigt sich mit der Homophobie seines Herkunftsmilieus und der bildungsbürgerlichen Arroganz der Intellektuellen. Letztere habe ihn härter getroffen. Persönliche Anekdoten bettet Eribon ein in ein größeres Narrativ über den kulturellen Spalt, der sich auftut zwischen der kosmopolitischen Welt der akademischen Linken um dem Rest Frankreichs. Die zentrale These des Buches passt in das Weltbild der Wagenknecht-AnhängerInnen: die Linke habe die ArbeiterInnenklasse aufgegeben, weil sie lieber Identitätspolitik betreibe. Die soziale Frage sei in den Hintergrund getreten, verdrängt durch die Themen der Gebildeten, also Feminismus, Antirassimus und Klimaschutz. Die Linke habe sich von den „populären Klassen“ abgewendet. Dass sich ArbeiterInnen immer mehr von RassistInnen wie Marine Le Pen angesprochen fühlen, sei angesichts dieser Zustände als Akt der Notwehr zu verstehen – die FaschistInnen hören wenigstens zu.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Christian Baron, der in Proleten Pöbel Parasiten – Warum die Linken die Arbeiter verachten eine düstere Bestandsaufnahme präsentiert. Der deutsche Eribon konstatiert, dass die Linke den Bezug zu „den Arbeitern“ und „der Unterschicht“ verloren habe. Es gebe in Deutschland kaum noch Linke ohne akademische Bildung. Ökonomische Fragen seien in den Hintergrund gedrängt worden, die Fragen des Elfenbeinturms und die Bedürfnisse der AkademikerInnen stünden im Mittelpunkt. An Schlimmsten sei aber, dass die Linke „den Arbeitern“ mit Verachtung begegne. Man halte sie für dumm, reaktionär und stillos. Für rassistische Witze gilt eine Null-Toleranz-Politik, doch wer sich über die „Proleten“ oder den „Pöbel“ lustig macht, müsse nicht mit Konsequenzen rechnen.

Besonders unter den vermeintlichen Salonlinken selbst ist die Kritik der Salonlinken en vogue. PostmodernistInnen reflektieren ihre „Middle Class Privileges“ und in kommunistischen Gruppen wird darüber diskutiert, wie man wohl mehr „Arbeiterkinder“ ansprechen könne. Die Antwort auf letztere Frage lautet meist, dass das Niveau der theoretischen Auseinandersetzung herabgesetzt werden müsse. Damit ist dann auch schon klar, was man von jenen „Arbeiterkindern“ hält … Dieser klassenkämpferische Furor wäre durchaus zu begrüßen, wenn er denn wirklich auf einer brauchbaren Klassenanalyse basieren würde. Leider ist das in den wenigsten Fällen der Fall.

Marx statt Bourdieu

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu veröffentlichte 1979 sein Hauptwerk Die feinen Unterschiede. Das Buch gilt als eines der bedeutendsten Werke der Soziologie. Bourdieu untersucht darin die Rolle des „kulturellen Kapitals“ für die herrschenden Klassen. Kulturelles Kapital umfasst dabei den „Geschmack“, die Bildung und den Lebensstil einer Person. Jene, die über ein hohes kulturelles Kapital verfügen – die Mitglieder der Oberschicht – seien dazu in der Lage, die gesamte Gesellschaft kulturell zu dominieren. Der Geschmack derer, die über kulturelles Kapital verfügen, wird zum allgemeinen Standard erhoben. Ausdruck einer solchen kulturellen Hegemonie ist etwa die Unterscheidung in hohe Kultur und Popkultur. Was die Oberschicht entzückt, gilt als künstlerisch wertvoll und profund, während jene Kulturprodukte, die von niedrigeren Schichten konsumiert werden, als geschmacklos, vulgär oder provinziell gelten.

Jede Klasse überträgt nach Bourdieu ihr kulturelles Kapital auf ihre Nachkommen. Die Kinder der Oberschicht lesen also die Literatur der Oberschicht, hören die Musik der Oberschicht und sprechen die Sprache der Oberschicht. Auf diese Weise eignen sie sich das kulturelle Kapital ihrer Eltern an. Wer dagegen aus niedrigeren Schichten stammt, übernimmt Vorlieben und Verhaltensweisen, die ein geringeres kulturelles Kapital implizieren. Auf diese Weise reproduzieren die Klassen ihre jeweilige Vorherrschaft. Derartige Beobachtungen veranlassen Bourdieu dazu, den Begriff der Klasse über die ökonomische Sphäre hinaus zu erweitern.

Bourdieus Klassentheorie ist attraktiv, weil sie mit dem alltäglichen Erleben übereinstimmt. Wenn wir Menschen treffen, dann tritt deren ökonomische Situation oftmals weniger zum Vorschein als ihr „Habitus“, denn letzterer drückt sich im Verhalten und im Kleidungsstil aus. Eine ernsthafte Analyse offenbart jedoch, dass Bourdieu keinen Beitrag zur Analyse der Klassen geliefert hat – im Gegenteil, er löst den Klassenbegriff zu Gunsten einer Milieutheorie auf und raubt uns damit das wichtigste Werkzeug zur Identifikation des revolutionären Subjekts.

Was die marxistische Analyse grundsätzlich von der vulgären Perspektive Bourdieus abhebt, ist ihr systemisch-struktureller Charakter. Klassen werden nicht im vulgärpositivistischen Sinne als Ansammlungen von Individuen mit bestimmten Eigenschaften verstanden, sondern aus der Logik des kapitalistischen Systems heraus definiert und analysiert. Im Kapitalismus gibt es nach Marx zwei Klassen, die sich antagonistisch gegenüberstehen: die Bourgeoisie und das Proletariat. Was diese beiden Klassen voneinander unterscheidet, ist die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel. Damit sind jene Werkzeuge, Immobilien, Maschinen und Rohstoffe gemeint, die neben der Arbeitskraft erforderlich sind, um Produkte für den Verkauf herzustellen. Die Bourgeoisie zeichnet sich dadurch aus, dass sie über solche Produktionsmittel verfügt. Das Proletariat dagegen hat keinen Zugang zu Produktionsmitteln und muss daher seine Arbeitskraft an die Bourgeoisie verkaufen. Im marxistischen Sinne werden die Klassen also auf Grundlage ihrer Stellung im Produktionsprozess bestimmt. ProletarierInnen sind die VerkäuferInnen der Arbeitskraft, Bourgeois ihre KäuferInnen.

Der Vorteil dieser Analyse besteht darin, dass sie die tiefer liegende Anatomie der bestehenden Gesellschaft offenlegt, statt nur ihre Epiphänomene zu beleuchten. Die Milieutheorie Bourdieus kann beschreiben, wie Menschen und Menschengruppen mit jenem Machtgefälle umgehen, das der Kapitalismus hervorbringt. Die marxistische Theorie kann mehr. Indem sie auf die strukturelle Logik des Kapitals verweist, legt sie offen, warum Klassen überhaupt existieren. Bourdieu ist im schlechten Sinne Soziologe, Marx dagegen ist Kybernetiker. Ihm geht es nicht um das menschliche Gesicht der Herrschaft, sondern um ihre verborgene Natur. Das kulturelle Distinktionsbedürfnis ist eine sekundäre, psychologische Reaktion auf die Klassengesellschaft, der Privatbesitz an Produktionsmitteln aber ist ihre wirkliche Grundlage.

Natürlich hat Bourdieu Recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass das kulturelle Kapital ungleich verteilt ist. Dieser Sachverhalt erzeugt in der Tat eine kulturelle Spaltung des Proletariats. Einen völlig identischen Effekt haben aber auch Religion, Ethnie und Nationalität. Die ArbeiterInnen sind durch kulturelle Barrieren voneinander getrennt. Der revolutionäre Impetus der marxistischen Theorie besteht gerade darin, dass sie die Überwindung solcher Barrieren in Aussicht stellt – der gemeinsame Kampf für die eigenen objektiven ökonomischen Interessen transzendiert alle kulturellen Grenzen. Die Forderung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“  wird von Marx und Engels in vollem Bewusstsein der Tatsache erhoben, dass es auf der kulturellen Ebene Welten sind, die jene ArbeiterInnen trennen. Eine radikale Kritik des Bestehenden ergreift nicht die Partei eines bestimmten Milieus, sondern die der Klasse.

Der Vorwurf, die linken Gruppen würden aus „Mittelschichtkindern“ bestehen, kann überhaupt nur auf der Grundlage der Bourdieu’schen Theorie erhoben werden. Mit dem Marxismus, der die Zugehörigkeit zu einer Klasse auf Grundlage der Stellung im Produktionsprozess definiert, ist er unvereinbar. Marx erkennt mit dem Kleinbürgertum durchaus die Existenz einer „mittleren“ Klasse an, die sich zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat befindet; Doch er hat etwas völlig anderes im Sinn als jene gefühlslinken Möchtegern-KlassenkämpferInnen, welche die Kinder von LehrerInnen und IngenieurInnen als „kleinbürgerlich“ diffamieren. Marx definiert das Kleinbürgertum nämlich schlichtweg als Klasse jener, die Produktionsmittel besitzen und ihre Arbeitskraft deshalb nicht an andere verkaufen müssen, jedoch im Gegensatz zur Bourgeoisie keine ArbeiterInnen beschäftigen. Wer seine Arbeitskraft verkauft, statt von den eigenen Produktionsmitteln zu leben, ist keine KleinbürgerIn, sondern Mitglied des Proletariats.

Weil der Marxismus eine aus der ökonomischen Theorie gewonnene, den Menschen lebensweltlich betrachtet erst einmal fremde Kategorie zur entscheidenden Quelle der kollektiven Solidarität erhebt, ist er gegenüber identitären Kräften zunächst einmal im Nachteil. AnhängerInnen des religiösen Fundamentalismus oder Ethno-Nationalismus haben es leicht, weil sie an bereits existierende Identitäten anknüpfen können. Genau auf diese Unmittelbarkeit richtet sich das neidvolle Schielen jener, die das Arbeitermilieu in den Mittelpunkt linker Politik rücken wollen. Im Gegensatz zur ökonomisch definierten ArbeiterInnenklasse, mit der sich im Prinzip niemand identifiziert, die folglich also nur als Klasse an sich, nicht aber als Klasse für sich existiert, besteht das Arbeitermilieu für sich, im Bewusstsein seiner selbst. Die Tatsache, dass das Milieu nicht nur in den Köpfen der TheoretikerInnen, sondern auch in denen der Menschen existiert, macht es leichter, daran anzuknüpfen. Die Bereitschaft, den einfachen Weg gehen zu wollen, ohne einen Gedanken über die weiteren Konsequenzen zu verschwenden, war immer schon die größte Schwäche des sogenannten Linkspopulismus. Es ist kein Wunder, dass jene Sahra Wagenknecht, die sich „dem Arbeiter“ auf so krampfhafte Weise aufdrängen will, ebenso wenig Skrupel besitzt, die rassistischen Impulse der autochtonen deutschen Bevölkerung zu bedienen. Wer es demgegenüber ernst meint mit der sozialistischen Sache, ist bereit zu akzeptieren, dass das revolutionäre Subjekt, die proletarische Klasse, nicht als existierende Gemeinschaft im Bestehenden vorgefunden werden kann, sondern vielmehr erst im Prozess des Klassenkampfes zu sich kommt. Das Proletariat ist somit nicht nur eine analytische Kategorie, sondern auch ein Akteur aus der Zukunft, der durch die gegenseitige Vermittlung von Theorie und Praxis in die Welt kommt. Die universelle Klasse ist im analytischen Sinne Ausgangspunkt des Klassenkampfes, zugleich in der Realität aber dessen Produkt. Das Klassenbewusstsein ist nicht von Anfang an gegeben – diese Herausforderung müssen wir annehmen. Aus der Perspektive der KommunistInnen gilt: Theoretische Aufklärung und praktische Interventionen sind notwendig, um aus einer bunten Ansammlung von Milieus, religiösen Gruppen, nationalen Kulturen und urbanen Subkulturen die Klasse für sich zu schmieden, die Vollstreckerin der universellen Emanzipation.

Das Proletariat im 21. Jahrhundert

Marx war ein Science-Fiction-Theoretiker: Das kommunistische Manifest wurde im Jahr 1848 veröffentlicht, die Industrialisierung Kontinentaleuropas kam jedoch erst in den 1850ern richtig in Gang. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen verstand Marx, dass jener seltsamen neuen Welt, die er bei seinem Besuch 1845 Manchester erblickt hatte – eine Welt aus pechschwarzem Rauch, pfeifenden Dampfmaschinen und schwitzenden ArbeiterInnen – die Zukunft gehört. Dagegen war die Welt der Bauernhöfe und Handwerksstuben, in der über 99% seiner ZeitgenossInnen lebten, zum Tode verurteilt. Sie hatte es nur noch nicht bemerkt. In einer Zeit, in der die meisten Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten, erklärte Marx das noch winzige Proletariat zur entscheidenden revolutionären Klasse. Marx war voll und ganz auf die Zukunftstechnologien seiner Zeit fixiert, auf die Dampfmaschine, die Eisenbahn und die Fabrik. Diese Perspektive ermöglichte es ihm, kommende Klassenkämpfe und Wirtschaftskrisen Jahrzehnte im Voraus zu prognostizieren.

Linke wie Wagenknecht, Eribon und Baron tun genau das Gegenteil. Ihnen reicht es nicht, die Zukunft zu ignorieren – sogar vor der Gegenwart verschließen sie die Augen. Das Proletariat der entwickelten Industrienationen ist aus der Perspektive der ökonomischen Theorie gleich geblieben, abstrakte Arbeit und Tauschwert bestimmen nach wie vor seine Existenz, nach wie vor ist die ArbeiterIn gezwungen, ihre Arbeitskraft als Ware auf dem Markt zu verkaufen. Doch alles drumherum hat sich völlig verändert.

Betrachten wir die Lage der arbeitenden Klasse in Deutschland. Am auffälligsten sind die Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur. Der Strukturwandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat ein massives Wachstum des Dienstleistungssektors bewirkt. Im sogenannten tertiären Sektor arbeiten nach Angaben des Bundesamtes für Statistik mittlerweile viermal so viele ProletarierInnen – im Jargon der Bourgeoisie „Arbeitnehmer“ genannt – wie im verarbeitenden Gewerbe. Jene, die als LohnarbeiterInnen ihre Arbeitskraft an das Kapital verkaufen müssen, sitzen mittlerweile tendenziell eher vor dem Computer, statt Kohle in den Hochofen zu schaufeln. Sie kümmern sich eher um Kinder und Alte, als in die Mine hinabzusteigen. Die bestehenden Tendenzen werden sich fortsetzen, oder, um Deleuze und Guattari zu zitieren: the truth is that we haven’t seen anything yet. Die Zahl der Beschäftigten in der IT-Branche ist in den letzten zehn Jahren auf eine Millionen angestiegen und hat sich damit fast verdoppelt. Auch in der Pflege, in Erziehungsberufen und in den Medien arbeiten mehr Menschen als je zuvor. So sehen die proletarischen Realitäten des 21. Jahrhunderts aus.

In dem Bild, das Wagenknecht, Eribon und Baron zeichnen, kommen Bildung und ArbeiterIn nur in Form eines Gegensatzes vor. Wer die letzten hundert Jahre nicht verschlafen hat, bemerkt schnell, dass dieses Bild kaum etwas mit jener Wirklichkeit zu tun hat, in der der Rest von uns lebt und arbeitet. Die aus der kapitalistischen Dynamik resultierende Entwicklung der Produktivkräfte erzwingt eine immer aufwändigere Ausbildung der Arbeitskräfte. Mit der steigenden Komplexität der Maschinen, der zunehmenden Vernetzung der globalen Wirtschaft und der Rationalisierung eintöniger Arbeitsprozesse gehen steigende Anforderungen an das Bildungsniveau der Arbeitskräfte einher. Während eine akademische Bildung zu Marxens Zeiten das Privileg einer winzigen Oberschicht darstellte, ist sie heute weit verbreitet. Mehr als die Hälfte der 20-24-Jährigen in Deutschland haben ein Abitur. 30% der 30-34-Jährigen besitzen einen Hochschulabschluss. Weitere 45 Prozent haben eine Berufsausbildung abgeschlossen, die in Deutschland dem Studium oftmals in nichts nachsteht – DesignerIn kann man zum Beispiel durch eine Ausbildung oder ein Studium an einer Fachhochschule werden. Die Erkenntnis, dass die arbeitende Klasse der westlichen Industrienationen hochspezialisiert und bestens ausgebildet ist, muss in die strategischen Überlegungen der Linken eingehen.

Zwar gibt es durchaus LohnarbeiterInnen, die aufgrund ihrer ausgezeichneten Bezahlung kein besonderes Interesse an einer radikalen gesellschaftlichen Transformation haben, jedoch können die meisten gut ausgebildeten ArbeiterInnen keinesfalls als Teil einer „Arbeiteraristokratie“ abgeschrieben werden. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Überstunden sind etwa im akademischen Bereich, im Gesundheitswesen und in den Medien in zunehmendem Maße die Norm. Selbst wenn wir nicht allein die Stellung im Produktionsprozess, sondern auch die Höhe der Löhne berücksichtigen, dann gehört ein signifikanter Teil der KopfarbeiterInnen eindeutig zu den VerliererInnen des kapitalistischen Systems. Es wäre absurd, diese Menschen nicht als ArbeiterInnen zu betrachten, nur weil sie Tasten drücken, statt mit nacktem Oberkörper den Hammer zu schwingen.

Es hat also etwas tragikkomisches, wenn linke StudentInnen, die ihren Lebensunterhalt durch schlecht bezahlte SHK-Stellen und Gastronomiejobs verdienen müssen, so tun, als seien sie Teil einer Elite, die sich von „den ArbeiterInnen“ abkapselt. Wenn es etwas gibt, was linksradikale SoziologInnen und GermanistInnen von FabrikarbeiterInnen unterscheidet, dann dass erstere weniger verdienen und schlechtere Berufsaussichten haben.

Klassenkampf statt Identitätspolitik

Mantrahaft beschwören Wagenknecht, Eribon und Baron die Vorstellung, dass die Linken die ArbeiterInnen vernachlässigen würden. Sie haben Recht. Doch ihre eigene Fixierung auf das Kulturelle ist keine Lösung, sondern ein Symptom. Der Aufruf, die Identitätspolitik endlich aufzugeben und die Klassenfrage, die ökonomische Frage wieder in den Mittelpunkt der linken Aufmerksamkeit zu stellen, ist sinnvoll. Aus dieser Forderung resultiert aber keine Hinwendung zu einem bestimmten Milieu, sondern die Ablehnung des Milieus als relevante politische Kategorie. Wer das Proletariat als Milieu versteht, liquidiert die Klassenpolitik, statt sie zu rehabilitieren. Der Kampf für das Arbeitermilieu ist identitätspolitisch – wirklicher Klassenkampf strebt die Organisierung des Proletariats auf der Grundlage seiner objektiven ökonomischen Interessen an.

Bevor die Linke überhaupt an einen solchen Klassenkampf denken kann, muss sie verinnerlichen, dass die proletarische Klasse nicht durch ihre Kultur bestimmt wird, sondern durch ihre Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise. Für den ökonomischen Klassenbegriff spielt es keine Rolle, ob eine LohnarbeiterIn RTL II schaut und Mainstream-Hiphop hört oder Kunstausstellungen besucht und Neue Musik präferiert. Es ist egal, ob sie ihre Zeit in der Eckkneipe, in der Shishabar oder im veganen Hipstercafé verbringt. Die ArbeiterIn ist eine ArbeiterIn, weil sie keine PrivatbesitzerIn von Produktionsmitteln ist, weil sie zur Lohnarbeit gezwungen wird. Die Höhe ihres Einkommens mag zusätzlich noch eine Rolle spielen, nicht aber der Inhalt der Spotify-Playlist.

Statt die Spaltung der ArbeiterInnen noch weiter zu befördern, müssen sich Linke auf das konzentrieren, was die Klasse vereint. Statt das diffamierende Stereotyp des bildungsfernen Arbeiters zu bedienen, muss sie für die Interessen aller ArbeiterInnen kämpfen, egal ob sie in der Fabrik oder an der Universität, in der Pflege oder auf dem Bau arbeiten. Wer ProletarierInnen aufgrund ihrer musikalischen Vorlieben sortiert und gegeneinander in Stellung bringt, macht durchaus Klassenkampf – und zwar im Sinne der Bourgeoisie.

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