Was wir vom politischen Gegner lernen können

Von Franziska

Die politische Linke kapselt sich ab. Sie zersplittert sich immer wieder in miteinander verfeindete und identitär aufgeladene Kleinstgruppen. Dies ist auch im Diskussionsverhalten Linksradikaler erkennbar. Gefangen in ihrer eigenen „Filterbubble“ haben sie es aufgegeben, ernsthaft mit ihren politischen GegnerInnen zu diskutieren. Sie streben längst nicht mehr nach gesellschaftlichem Einfluss, sondern wollen sich in ihrer Bubble wohlfühlen.

Da, wo alle die gleiche Meinung vertreten, gibt es kaum Widerspruch und Widerstand. Durch den Rückzug in die Wohlfühlzone haben wir es verlernt, mit Kritik umzugehen. Wir haben vergessen, unsere eigenen Standpunkte argumentativ zu vertreten und Außenstehenden plausibel zu machen, denn in der eigenen Bubble ist das schließlich kaum noch notwendig. Da, wo unsere Ansichten sowieso bejaht werden, brauchen wir keine Argumente.

Mit der Fähigkeit zur Argumentation und der psychischen Resilienz im Angesicht des Widerspruchs verhält es sich wie mit Muskeln. Werden sie nicht betätigt, so verkümmern sie. In der Diskussion mit unseren politischen Gegnern müssen wir kreativ sein, wir müssen Fakten, Argumente und rhetorische Tricks einsetzen, um die Debatte gewinnen zu können. Das verlangt viel Energie und fordert unsere Fähigkeiten heraus. Der Prozess ist natürlich anstrengend, genauso wie körperliches Training. Doch wir können nicht fit werden, ohne unseren inneren Schweinehund zu überwinden.

Wenn wir den Kapitalismus wirklich abschaffen möchten, müssen wir uns zwangsläufig mit dem politischen Gegner anlegen. Damit wir in solchen Situationen nicht erbärmlich untergehen, müssen trainieren. Wir müssen argumentativ überlegen sein, so dass wir das bisher noch nicht politisierte Proletariat für unsere Sache gewinnen können.

Das Projekt der Linken ist ein Projekt der Veränderung. Der Status Quo soll durch etwas Besseres ersetzt werden. Damit Menschen sich aber freiwillig verändern, damit sie für eine progressive Politik auf die Straße gehen, müssen sie von dieser Veränderung auch überzeugt werden. Unsere Gegner haben es einfach. Sie wollen das System erhalten oder einfache, populistische Antworten auf dessen Probleme liefern. Gerade die Linke ist darauf angewiesen, ihre Standpunkte verständlich und attraktiv darzustellen.

Vom politischen Gegner können wir aber nicht nur profitieren, weil er ein Sparringpartner ist, auch inhaltlich können wir einiges von jenen lernen, die unserer Argumentation nicht zustimmen. Solche Personen können höchstwahrscheinlich sogar Lücken in unserer Argumentation aufdecken. Für solche Gelegenheiten zur Verbesserung unserer Theorie können wir tatsächlich nur dankbar sein. Wir können im Nachgang alle inhaltlichen Lücken schließen, auf die wir aufmerksam gemacht wurden. Wir können über unsere Argumente nachdenken und sie verbessern.

Berechtigte Zweifel lassen sich ausräumen, wenn wir unsere Inhalte überdenken und mit neuen Konzepten zusammenführen. Nur durch den Widerspruch unserer Gegner innerhalb und außerhalb der Linken befinden wir uns im kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Es kann also durchaus sein, dass KritikerInnen valide Punkte anbringen. Dann liegt es an uns, Antworten darauf zu finden. Wir müssen Konzepte ausarbeiten und zeigen, dass unsere politische Strategie und konkrete Utopie die richtigen sind. Je präziser, anschaulicher wir unsere Punkte rüberbringen können und je valider sie sind, desto mehr Zustimmung werden wir vom nicht-politisierten Proletariat erhalten.

Wir dürfen keine Angst davor haben, uns dem politischen Gegner zu stellen. Jede Diskussion ist eine Chance, die eigenen Positionen zu verbessern und mehr Menschen zu erreichen.

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