Die Negation der Vernunft: Neoliberalismus als Gegenaufklärung

von Florian Piffl

Das Projekt von SozialistInnen muss es sein, die radikale Vollendung der Aufklärung zu antizipieren, das heißt die bürgerliche Gesellschaft bei ihren eigenen, uneingelösten Versprechungen von Freiheit und Gleichheit zu packen und diese gegen jene selbst ins Felde zu führen. Es geht um die Kant’sche Hoffnung der Befreiung der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit; um die Bewusstwerdung sowie Überwindung der uns umklammernden und präformierenden Verhältnisse. Im Zentrum der Idee der Aufklärung steht die Vernunft. Einem modernistischen Fortschrittsoptimismus verhaftet, nahmen die VordenkerInnen dieser geistigen Strömung an, dass die Hauptprobleme des menschlichen Zusammenlebens gelöst werden können – vorausgesetzt die Menschen gebrauchen ihre Fähigkeit zu rationalem Denken. Zu Beginn der Entwicklung der Aufklärung intendierte diese primär, die direkten und persönlichen Herrschaftsverhältnisse des Absolutismus und Feudalismus abzuschaffen sowie jene Unterwerfung, die aus dem Glauben und der kirchlichen Macht entspringt, zu unterminieren. Im Zuge dessen sollen sich die Menschen ihrer selbst und der sie umgebenden Verhältnisse bewusst werden und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Aufklärung kritisiert nicht nur irrationale religiöse Weltbilder, sondern sämtliche Verhältnisse, die von den Menschen unbewusst eingerichtet wurden und sie infolgedessen beherrschen. Das einem emphatischen Wahrheitsbegriff verpflichtete Postulat der Aufklärung ist in den Sozialwissenschaften jedoch nicht konsensual. Es hat sich eine theoretische – man sollte wohl, wie später noch zu erläutern sein wird, genauer sagen: eine antitheoretische – Schule herausgebildet, die sich in der Tradition der deutschen und englischen Gegenaufklärung verortet und die zentralen Ideen der Aufklärung, vor allem jene der Vernunft, negiert. Die Rede ist vom Neoliberalismus.

Von vielen Seiten wird heute behauptet, der Begriff des Neoliberalismus fungiere lediglich als ein linker Kampfbegriff. Es mag durchaus seine Richtigkeit haben, dass für einige begriffsstutzige Linke der Neoliberalismus als Projektionsfläche für alles Schlechte in der Welt herhalten muss; um möglichst viel von den neoliberalen Auswüchsen zu sprechen und zur warenproduzierenden Gesellschaft an sich zu schweigen. Zu kritisieren wäre hierbei die – möglicherweise unbewusste – Affirmation eines “guten” Kapitalismus in Form des Keynesianismus. Aber das soll hier nicht das Thema sein. Die These, dass der Neoliberalismus einzig als ein linkes Hirngespinst existiert, ist schon insofern falsch, als sich zahlreiche VertreterInnen dieser Schule auf eben jenen Begriff beziehen und der Entwicklungsverlauf dieser Ideologie recht einfach zurückverfolgt werden kann. Seine Wurzeln hat der Neoliberalismus bereits im 19. Jahrhundert im Rahmen der kritischen Auseinandersetzung einiger AutorInnen mit dem klassischen Liberalismus. Der eigentliche Beginn lässt sich zwischen den beiden Weltkriegen datieren. Zuerst installiert wurde der Neoliberalismus ab der Hälfte der 1970er Jahre in Chile unter dem Diktator Pinochet, der sich über die aktive Unterstützung der Chicago-Leute um Friedrich A. Hayek und Milton Friedman freuen durfte – die Verfolgungen und Gewaltverbrechen vonseiten des Diktators wussten jene nicht nur nicht zu kritisieren, sondern sogar zu rechtfertigen. Infolge einiger Krisenerscheinungen kam der Neoliberalismus ab den 1980er Jahren schließlich zu weltweiter Berühmtheit: Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Helmut Kohl wandten sich sukzessive einem neoliberalen Kurs zu. Die Gründung des Euro-Systems und die Durchsetzung neoliberaler Maßnahmen durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) beispielsweise in Lateinamerika und Osteuropa taten ihr Übriges. Die Konsequenzen waren ein den Sozialstaat zerstörender Kahlschlag, die Privatisierung öffentlicher Güter und der Daseinsvorsorge, die Ausdehnung der Marktprinzipien auf sämtliche Bereiche usw. Gegenstand dieser Ausführung soll jedoch nicht sein, die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Neoliberalismus zu erläutern, sondern vielmehr die theoretischen Grundlagen desselben. Diese Schule ist kein homogenes Gebilde, es gibt durchaus verschiedene neoliberale Ansätze. In Deutschland beispielsweise wird eher ein Ordoliberalismus bevorzugt, der etwas häufiger staatliche Eingriffe gestattet – dabei geht es jedoch weniger um sozialstaatliche Maßnahmen als um solche, die der Stabilität der Ökonomie dienen. Die Grundannahmen des Ordoliberalismus sind über weite Strecken analog zu jenen der neoliberalen Theorie eines Hayeks. Auf denselben wird im Folgenden primär rekurriert. Anhand dessen soll deutlich werden, dass diese Ideologie die Vernunft negiert und sich in der Tradition der Gegenaufklärung verorten lässt.

Das zentrale Dogma des Neoliberalismus ist die Abkehr von jedweder Idee der Vernunft. Demnach werden, um nur einige zu nennen, die Theorien von Descartes, Comtes, Hegel, Marx, die Plantheorien des Sozialismus, der Keynesianismus sowie die New-Deal-Politik abgelehnt. Hayek, der an allen vier wichtigen Zentren des Neoliberalismus (Wien, London, Chicago, Freiburg) gelehrt hat, nimmt an, dass sämtliche Versuche, Wirtschaft und Gesellschaft rational zu steuern, letztlich in ein autoritäres System mündeten. Insofern konstatiert er, dass Vernunft und Rationalismus per se autoritär seien und in die Barbarei führten. Einzig der freie Markt und der Wettbewerb könnten laut Hayek zu einer gerechten Ordnung beitragen. Diese könne stets nur eine „spontane Ordnung“ sein, denn eine bewusste Gestaltung sei dessen Auffassung nach anmaßend.

Da Vernunft nun als autoritär gebrandmarkt wurde, bleibt als einzige Alternative die in der Tradition der Gegenaufklärung verhaftete Feststellung, dass die Gesellschaft als Ganze aufgrund ihrer Komplexität von niemandem erfasst werden könne. Gesellschaft wird letztlich sogar als eigenständige Kategorie verbannt. Eine Gesellschaftstheorie erklärt also, dass sie ihren Gegenstand, die Gesellschaft, theoretisch gar nicht erfassen könne – ein durchaus seltener Fall in der Wissenschaft. Der Neoliberalismus kann insofern als eine Anti-Theorie charakterisiert werden. Diese neoliberal-antitheoretische Ausrichtung ist auch heute in den Sozialwissenschaften weit verbreitet.

Weiter wird die Gültigkeit von Geschichtsphilosophie infrage gestellt, denn der Neoliberalismus vertritt das Dogma, dass die Entstehungsgeschichte einer Gesellschaft nicht erklärt werden könne. Die Geschichte sei unerkennbar, es sei zu einem Ende der „großen Erzählungen“ gekommen und man solle sich mit der Beschreibung von Kleinteiligem begnügen. Vor allem hinsichtlich der postnazistischen BRD erwies sich der Neoliberalismus insofern als äußerst funktional in der Verdrängung der Barbarei des Nationalsozialismus. Da in der neoliberalen Ideologie keinerlei Geschichtsbewusstsein vorhanden ist, konnte das angeblich wieder-gut-gewordene Deutschland eine Stunde Null ausrufen und sich der Verbrechen der Vergangenheit entledigen.

Da die gesellschaftliche Totalität nicht erfasst werden könne, wird für den Neoliberalismus die im klassischen Liberalismus noch vorzufindende Vorstellung einer vernünftigen Gesellschaft obsolet. Gemeinsam mit dem „Ende der Geschichte“ wurde zugleich ein „Ende der Utopien“ propagiert, ein Ende der „großen Erzählungen“. Diese Ideologie lässt keinen Raum mehr für Hoffnung, gibt keine Versprechungen mehr. Was Kant noch als eine „vernunftgegründete Hoffnung“ bezeichnete, wird vom Neoliberalismus durch das Postulat der Alternativlosigkeit vollends kassiert. Das, was ist, ist das einzig Wahre – so könnte der Leitgedanke dieser Schule zusammengefasst werden. Diese Hoffnungslosigkeit, diese angebliche Unmöglichkeit einer vernünftigen Gesellschaft, dieses Ende des utopischen Denkens ist vielleicht das Grausamste an der neoliberalen Theorie.

Da die Gesellschaft als Ganze nicht erfasst werden könne und daher sämtliche auf kollektiver Ebene sich vollziehende Utopien passé seien, könne nur noch von jeder und jedem Einzelnen ausgegangen werden. Dies wird als „methodologischer Individualismus“ bezeichnet. Dieses atomisierte und entindividualisierte Einzelne gilt nur noch als eine Personifikation der es umgebenden Verhältnisse. Das einzige, was laut Hayek bleibe, sei ein „freiwilliger Konformismus“, das heißt die Menschen ordnen sich den von ihnen selbst geschaffenen Regeln und Normen unter und fristen ein unbewusstes Dasein innerhalb der als natürlich perzipierten Verhältnisse. Wer sich dem Gegebenen nicht zu subordinieren gedenkt, der solle durch Zwang in jene unbewussten Verhältnisse integriert werden. Hier wird deutlich, weshalb sich Neoliberale immer wieder für autoritäre und faschistische Staaten begeistern können und denselben Unterstützung zukommen lassen – Chile unter dem Diktator Pinochet wurde bereits genannt; aktuell lässt sich dies in Brasilien unter dem Faschisten Bolsonaro beobachten. Der so eingeforderte Konformismus nimmt den Einzelnen jegliche Individualität – eine solche darf es gegen die Verhältnisse nicht geben. In der Sozialwissenschaft spricht man von einem „liquidierten Individuum“. Weil die Menschen vollständig negativ vergesellschaftet sind und folglich nur noch als Personifikationen der Verhältnisse erscheinen, glauben sie fälschlicherweise, freie Individuen zu sein. Da die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht begriffen werden können, besteht auch nicht die Möglichkeit der Bewusstwerdung seiner Selbst – wer die blinden Kräfte des Kapitalismus nicht imstande ist zu begreifen, der wird sich individuell frei wähnen. Im Grunde ist das neoliberale Subjekt genau das, was die Kritische Theorie als „autoritären Charakter“ auf den Begriff brachte. Im Neoliberalismus wird dieses Subjekt in Gänze affirmiert.

Eine freie Gesellschaft sei laut Hayek eine Gemeinschaft von Individuen, die sich blind und bewusstlos den bestehenden Verhältnissen unterwerfen. Wichtig ist hierbei die Annahme einer sich aus dem Wettbewerb ergebenden „spontanen Ordnung“, in der jede/r gegen jede/n kämpft und in der es eine/n SiegerIn und eine/n VerliererIn geben muss. Der Wettbewerb sei ein gesellschaftlich irrationales System, bei dem es im wörtlichen Sinne um den Kampf ums Überleben gehe; atomisierte Einzelne handelten hierbei technisch rational nach der Logik von Versuch und Irrtum. Wer sich fragt, weshalb der „Homo oeconomicus“ und rational-choice-Theorien in den Sozialwissenschaften eine solche Karriere machen konnten und in zahlreichen Modellen als zentrale Annahme fungieren, der hat nun die Antwort.

Dass die Gesellschaft nicht erfasst, die Verhältnisse nicht begriffen werden können, entzieht sich jedweder Begründung. Daher gibt Hayek ganz unverhohlen zu – Margaret Thatcher sollte dies etwas später im britischen Parlament wiederholen –, dass es sich beim Neoliberalismus um nichts anderes handele als um einen Glaubenssatz, eine Meinung. Man muss glauben, dass der Wettbewerb und der freie Markt eine gerechte Ordnung konstituieren; man muss glauben, dass sich die gesellschaftliche Totalität nicht erfassen lässt und dass eine neoliberale Ordnung für alle das Beste ist. Dass sich der Neoliberalismus quasi-religiös geriert, dürfte spätestens jetzt offensichtlich erscheinen. Hayek, dieser säkularisierte Papst, stellte die Forderung nach einem „Glaubensbekenntnis“ zu eben jener marktwirtschaftlichen, neoliberalen Ordnung auf – es ist eine Seltenheit in der Wissenschaftsgeschichte, dass ausdrücklich darauf verwiesen wird, es handele sich letztlich um eine Sache des Glaubens. Dies ist selbstverständlich eine Absage an jede Form von Vernunft. Der Neoliberalismus kann insofern als der über staatliche und gesellschaftliche Mechanismen vermittelte Nachfolger der ihren Erfolg zunehmend einbüßenden Kirche angesehen werden: Glauben, Konformismus, Irrationalismus erinnern stark an jene Zeit, in der die Kirche noch das Sagen hatte.

Mit dem postulierten „Ende der Utopien“ geht, so die Kritische Theorie, notwendigerweise eine Unterdrückung der utopischen Potenziale der Triebstruktur der Individuen einher, aus der ein Leiden sowie zugleich das Bedürfnis, sich gegen dieses Leiden aufzulehnen, resultiert. Dieser Protest führt jedoch nicht zu einer Veränderung des existierenden Systems, sondern vielmehr zur Perpetuierung oder sogar zur Intensivierung desselben. Horkheimer bezeichnete dieses Aufbegehren des autoritären Charakters als „konformistische Revolte“. Durch diese Selbstunterdrückung sowie die projektive Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und der gesellschaftlichen Verhältnisse am Anderen ist dann auch ein Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Antisemitismus hergestellt. Letzterer ist der Ausdruck der irrationalen Gegenaufklärung par excellence.

Der Neoliberalismus hat die vernunftgeleitete Aufklärung, die über das Bestehende hinausweisenden Utopien sowie die Geschichte respektive die Erinnerung zu Grabe getragen. Es wird einzig ein atomistischer Rationalismus geduldet, der letzten Endes Ausdruck der neoliberalen Theorie des irrationalen Allgemeinen, des gesellschaftlich Unbewussten ist. Jede Hoffnung auf Aufhebung des Kapitalismus, jede Idee der Vernunft und sämtliche Möglichkeiten einer vernunftbasierten Steuerung von Gesellschaft wurden getilgt. Die im klassischen Liberalismus noch vorhandenen utopischen und rationalen Gehalte – Wohlstand der Nationen, Freiheit der Menschen, eine kosmopolitische Gesellschaft – wurden vom Neoliberalismus in Gänze kassiert. Es werden keine Versprechungen mehr gegeben, kein Fortschritt mehr angenommen, nur noch Entwicklung. Was Hegel noch als „List der Vernunft“ bezeichnete, ein von den Menschen nicht wahrgenommener und daher unbewusster, aber auf Vernunft basierender Fortschritt, wird im Neoliberalismus zu einer unbewusst und ohne rationale Grundlage sich vollziehenden List ohne Vernunft. Es bleibt nicht mal mehr die im klassischen Liberalismus noch zentrale Forderung nach der Freiheit der Einzelnen übrig; die Menschen gehen im Neoliberalismus vollends in den Verhältnissen auf und werden von diesen auf irrationale und unbewusste Weise beherrscht. Von dem Postulat der Aufklärung, dass die Menschen sich ihrer selbst sowie ihrer Verhältnisse bewusst werden und somit die Basis für eine vernünftige Gesellschaft geschaffen wird, bleibt in der neoliberalen Ideologie nichts mehr übrig.

Wer sich mit diesem Thema gerne noch tiefgehender befassen möchte, der/die sei auf die Arbeiten von Gerhard Stapelfeldt verwiesen – auf dessen virtuosen Ausführungen basiert dieser Text maßgeblich.

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