Was unterscheidet Lohnarbeit von Scheinselbstständigkeit und von reiner Selbstständigkeit?

von Franziska

Nach Karl Marx verkauft der Mensch im Rahmen der Lohnarbeit seine Arbeitskraft an ein Unternehmen. Die ArbeiterIn produziert dabei Waren oder erbringt eine Dienstleistung. Der Lohn ist aber immer niedriger als der Profit, den die UnternehmerIn durch den Verkauf der Ware erzielt. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft übertrifft ihren Tauschwert.

Der Gewinn privater Unternehmen wird durch die ArbeiterInnen geschaffen, denn sie allein haben die verkaufte Ware produziert. Dieser Mehrwert bleibt aber bei den UnternehmerInnen, die diesen entweder investieren, oder einen Teil davon selbst einstreichen. Zwar wird die ArbeiterIn auf diese Weise ausgebeutet, die Verantwortung für den Erfolg des Unternehmens trägt sie jedoch nicht. Ihr Lohn ist unabhängig von den Verkaufszahlen der Produkte, die sie hergestellt hat. Im Falle niedriger Verkaufszahlen haftet das Unternehmen als Käufer der Arbeitskraft für den entstandenen Schaden. Auch das Zahlen der Sozialbeiträge (Kranken- und Rentenversicherung) für die Lohnbeschäftigten ist – zumindest in Deutschland – eine Verpflichtung der KapitalistInnen.

In der Selbstständigkeit ist dies anders. Selbstständige und KleinbürgerInnen verkaufen ihre Arbeitskraft sozusagen an sich selbst. Der erarbeitete Mehrwert bleibt bei den Selbstständigen. Zugleich tragen sie jedoch die Verantwortung für den Erfolg ihres Produktes auf dem Markt. Wenn es sich nicht verkauft, dann kann die Arbeit für sie zum Verlustgeschäft werden.

Wo besteht nun der Unterschied zu der Scheinselbstständigkeit?

Auf der Grundlage dieser Erörterungen lässt sich das Phänomen der Scheinselbstständigkeit definieren. Diese arbeiten zwar formell selbstständig, sind allerdings trotzdem an ein Unternehmen gekoppelt. Juristisch gesehen befinden sich Scheinselbstständige nicht in einem Beschäftigtenverhältnis. Scheinselbstständige sind jedoch de facto auf die Infrastruktur eines Unternehmens angewiesen und erbringen Leistungen in dessen Namen. Sie erwirtschaften Mehrwert, den sie aufgrund ihrer schwachen Verhandlungsposition nicht behalten dürfen. Dies ist der entscheidende Unterschied zu „echten“ Selbstständigen, die zumindest einen Teil des produzierten Mehrwertes für sich reklamieren können.

Da sie juristisch gesehen keine angestellten Beschäftigten sind, muss das Unternehmen keine Sozialabgaben zahlen und profitiert damit doppelt. Scheinselbstständige sind nach deutschem Recht für die Finanzierung ihrer Kranken- und Rentenversicherung selbst verantwortlich.

Viele Berufsgruppen sind von Scheinselbstständigkeit betroffen. Speziell sind GrafikerInnen, HandwerkerInnen und PaketbotInnen besonders häufig betroffen. Aber auch die Staubsauger-VerkäuferIn oder die VersicherungsvertreterIn sind meistens scheinselbstständig, auch wenn wir das nicht unbedingt vermuten würden. Am Beispiel der StaubsaugerverkäuferInnen wird das Prinzip der Scheinselbstständigkeit nochmal klarer. Die VerkäuferIn erwirbt die Staubsauger und weitere Komponenten von einem privaten Unternehmen. Sie selbst haben es in der Hand, wann und wie sie an ihre KundInnen herantreten. Von ihrem persönlichen Verkaufsgeschick ist abhängig, ob ihre KundInnen das Produkt kaufen oder nicht. Wenn sie Pech haben oder einen Fehler machen, dann verdienen sie kein Geld und bleiben im schlimmsten Fall auf ihrer Ware sitzen. Scheinselbstständige sind also wie KapitalistInnen vom Erfolg ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit abhängig, müssen aber zugleich wie ArbeiterInnen einen Mehrwert an ein Unternehmen abführen.

Eine materialistische Analyse des Phänomens der Scheinselbstständigkeit muss an der Frage ansetzen, wohin der Mehrwert wandert. Scheinselbstständige sind zwar formell gesehen keine Angestellten, in der Realität jedoch an ein Unternehmen gebunden und deshalb gezwungen, einen Teil ihrer Einkünfte an dieses abzugeben.

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