Der Kult des Verzichts

von Dennis Graemer

Beginnen wir mit den Fakten: Die globale Erwärmung existiert, und sie wird durch den Menschen verursacht. Die Verbrennung fossiler Energieträger führt zur Freisetzung von Treibhausgasen, welche Wärmestrahlung absorbieren und damit einen Temperaturanstieg bewirken. Diese Tatsache wird von keiner seriösen WissenschaftlerIn in Zweifel gezogen, denn das theoretische Modell ergibt Sinn und die Folgen lassen sich überall beobachten: Die durchschnittlichen globalen Temperaturen sind seit dem späten 19. Jahrhundert um 1 Grad Celsius gestiegen, das Eis der Arktis und Antarktis schmilzt, der Meeresspiegel steigt und die Übersäuerung der Ozeane schreitet voran. Wenn der globale CO2-Ausstoß nicht sofort massiv reduziert werden kann, dann drohen weitere Dürren, Überflutungen und Stürme mit fatalen Auswirkungen. Erst kürzlich wütete der Zyklon Idai über Südostafrika und machte Millionen Menschen obdachlos.

Was kann im Angesicht der drohenden Katastrophe getan werden? Im Internet, im Fernsehen und in den Printmedien kursieren diesbezüglich alle möglichen gut gemeinten Ratschläge. Weniger verschwenden sollen wir, regional und saisonal einkaufen und mehr selber machen, erklärt etwa ein Artikel auf utopia.de. Das ist noch harmlos, verglichen mit dem, was die Autoren von bewusster-leben.de von uns erwarten: Mindestens sollen wir klimafreundlich kochen, aber am besten gleich ganz ohne Konsum klar kommen. Ein ähnliches Bild bietet sich uns, wenn wir einen Blick in die sozialen Medien werfen – ein feuriger Appell an die VerbraucherIn reiht sich an den anderen. Wer nicht bereit ist, gleich auszusteigen und in einer Hütte zu leben, soll doch zumindest beim Ökomarkt einkaufen – auch wenn die Gurke dort das Dreifache kostet.

Der Kult des Verzichts ist längst im Mainstream angekommen. Die Tagesschau fragt: Was kann der Einzelne tun? und gibt uns freundlicherweise gleich die Antwort: Auf Flugreisen müsse die umweltbewusste KonsumentIn in Zukunft leider verzichten. Auch der britische Guardian offenbart seinen LeserInnen die Gebote der Stunde: Kauft keine neuen Sachen, solange die alten noch funktionieren! Legt euch einen Gemüsegarten an! Trennt euch von eurer Spülmaschine! Den Klimawandel zu stoppen ist scheinbar sehr einfach. Wir müssen einfach nur beim Solawi-Kollektiv einkaufen, viel Fahrrad fahren und immer brav das Licht ausmachen, wenn wir einen Raum verlassen. Wenn alle gemeinsam anpacken, dann wird das schon!

Derartige Forderungen erschöpfen sich darin, die Menschen zur Änderung ihrer Konsum- und Lebensgewohnheiten aufzufordern. Die Verantwortung für die globale Erwärmung wird auf das einzelne Individuum abgewälzt. Strukturelle und politische Ursachen des menschengemachten Klimawandels geraten auf diese Weise völlig aus dem Blickfeld. Während also die AktivistIn im Bioladen die Gütesiegel verschiedener Karottensorten miteinander vergleicht, dürfen Energiekonzerne und Industrie mit Rückendeckung durch die staatliche Gewalt saftige Gewinne einfahren. Die deutsche Polizei etwa tritt im Auftrag der Politik brav zum Knüppeldienst an, wenn RWE mehr Braunkohle für seine InvestorInnen verheizen will, und auch den Sorgen der deutschen Autohersteller wird mit völliger Selbstverständlichkeit die absolute Priorität eingeräumt – Klimaziele können warten. Statt sich über derartige Unannehmlichkeiten den Kopf zu zerbrechen oder sich gar für eine andere Wirtschafts- und Umweltpolitik einzusetzen, sollen die Vereinzelten, so die Lehre der KonsumkritikerInnen, erst einmal bei sich anfangen. Wer jemals mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen ist, hat gemäß der konsumkritischen Ideologie zum Thema CO2-Ausstoß ohnehin nichts mehr zu melden.

No such Thing as Society

Der bewusste Konsum wird nicht nur als Lösungsansatz für den Klimawandel beworben, er kann, davon sind seine AnhängerInnen fest überzeugt, auch eine Vielzahl weiterer gesellschaftlicher Probleme lindern oder gar beseitigen. Egal ob es um Sweatshops in Schwellen- und Entwicklungsländern, umweltschädliche Produktionsmethoden oder besonders krasse Fälle von Ausbeutung geht, wer etwas tun will, soll Fair-Trade und Bio kaufen. Besonders unmoralische internationale Großunternehmen sollten gleich boykottiert werden. Wie kann die außerordentliche Popularität derartiger Appelle erklärt werden? Wer diese Frage beantworten will, kommt um eine Analyse der Denkformen unseres marktradikalen Zeitalters nicht umher.

Die Individualisierung gesellschaftlicher Probleme ist ein zentrales Element neoliberaler Ideologie. Innerhalb einer Gesellschaft, die auf der Grundlage verallgemeinerter Konkurrenz organisiert ist, erscheint der Mensch notwendigerweise als völlig vereinzeltes Wesen. In solch einer Gesellschaft steht jedes Individuum für sich allein, muss Ellenbogen einsetzen und den eigenen Lebenslauf optimieren. Im Rahmen einer post-fordistischen sozialen Umwelt können Handlungsspielräume nur noch individuell gedacht werden. Diese Haltung drückte die britische Premierministerin Margaret Thatcher aus, als sie erklärte: there are only individual men and women […] there is no such thing as society. Wer in Armut lebt oder die Miete nicht zahlen kann, soll das Problem keinesfalls bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen oder gar der kapitalistischen Produktionsweise suchen. Vielmehr muss das Individuum anerkennen, dass es für seine miserable Lage selbst verantwortlich ist. Wer seine Lebensumstände bessern will, soll sich im Beruf gefälligst mehr anstrengen.

Nicht nur das bei sich anfangen, sondern auch der Verzicht ist inhärentes Merkmal zeitgenössischer Ideologie. So wurde etwa Griechenland, dessen Verschuldung aller rassistischer Narrativa vom faulen Griechen zum Trotz das direkte Resultat deutscher Wirtschaftspolitik war, durch die Troika dazu gezwungen, die eigene Wirtschaft durch ein rücksichtsloses Austeritätsprogramm zu retten. Der Mythos, der Kapitalismus brauche mehr und mehr Konsum, ist ein Relikt des auf Massenkonsum und Massenproduktion gestützten Fordismus-Keynesianismus. Der Neoliberalismus verlangt, dass die ArbeiterInnen weniger konsumieren – auch in dieser Hinsicht stimmt er exakt mit der Meinung der KonsumkritikerInnen überein.

Die Adaption hegemonialer Ideologie erfolgt nicht bewusst, sie stellt vielmehr einen mehr oder weniger automatischen Reflex auf die Materialität des Lebens unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen dar. Wer in einer neoliberal strukturierten Konkurrenzgesellschaft lebt, deren Spielregeln nun mal besagen, dass jede/r für sich allein steht, verinnerlicht automatisch ein entsprechendes Denken. So kommt es, dass die neoliberale Individualisierung auch jene erfasst, die sich als KritikerInnen des Bestehenden stilisieren. Seinem Anspruch nach richtet sich der Kult des Verzichts gegen den neoliberalen Status Quo, in Wahrheit aber hat er dessen Prämissen längst akzeptiert: Individualismus und Austerität.

Gewissen und Macht

Der Ethos des Verzichts geht nicht nur auf den neoliberalen Individualismus zurück, er speist sich auch aus jenen überwältigenden Ohnmachtsgefühlen, mit denen linke AktivistInnen in den letzten Dekaden konfrontiert waren. Der Kulturtheoretiker Mark Fisher prägte für den Glauben, dass ein anderes System als der existierende Kapitalismus nicht möglich sei, den Begriff kapitalistischer Realismus. Dass die Gewerkschaften dem Neoliberalismus Margaret Thatchers und Ronald Reagans nichts entgegensetzen konnten, hat den Willen der politischen Linken ebenso gebrochen wie das Überlaufen der sozialdemokratischen Parteien ins Lager des Feindes (New Labour oder die SPD mit der Agenda 2010). Der Zusammenbruch der Sowjetunion in den frühen 90ern tat sein übriges. Ein Misserfolg nach dem Anderen hat bei Linken die Überzeugung wachsen lassen, dass sie im Prinzip nichts ausrichten können. Die Normalisierung der Hoffnungslosigkeit bedeutet, dass jeder Gedanke an tiefgreifende Veränderungen unfassbar naiv erscheint. Demoralisierung und praktische Irrelevanz bilden einen verhängnisvollen Kreislauf, einen Feedback-Loop ins gesellschaftliche Abseits. Am Ende der Geschichte (Fukuyama) ist kein Platz für Revolutionen und Utopien.

Wer nicht mehr daran glaubt, Einfluss auf Wirtschaft und Staat ausüben zu können, dem bleibt nur noch eine einzige Waffe: das eigene Konsumverhalten. Natürlich ist die KonsumkritikerIn nicht wirklich davon überzeugt, den Planeten durch ihren persönlichen Verzicht zu retten. Es geht längst nicht mehr um reale Veränderung – es geht um das schlechte Gewissen. Fair Trade und Bio sind in diesem Sinne nichts anderes als ein postmoderner Ablasshandel.

Der Gestus der Abgrenzung macht das therapeutische Paket vollständig. Viele sind mit der politischen und ökonomischen Gesamtsituation nicht einverstanden und haben erkannt, dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit darstellt. Einsichten wie diese erzeugen naturgemäß eine schlechte Stimmung, insbesondere dann, wenn sie mit der klammheimlich angenommenen Überzeugung verknüpft sind, dass sich ja eigentlich gar nichts ändern lässt. Wie können Menschen in gesellschaftlichen Verhältnissen leben, die sie zutiefst ablehnen? Wie können sie existieren, wenn sie wissen, dass eine unglaubliche Katastrophe immer näher rückt, und sie nichts anderes tun können als zu warten? Nur durch symbolische Abgrenzungsgesten.

Der Kern des konsumkritischen Denkens ist die Idee, man könne sich durch den persönlichen Verzicht aus der Verstrickung in die gesellschaftlichen Verhältnisse herauslösen. Der bewusste Konsum dient dazu, die Verantwortung für sozio-ökonomische und ökologische Probleme abzugeben. Die KonsumkritikerIn beteiligt sich (angeblich) nicht an jenen Prozessen, die den Planeten – oder die Mitmenschen – zerstören, und ist damit auch nicht mehr dafür zuständig, irgendetwas zu tun. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als das Recht, die Wirklichkeit ignorieren zu dürfen, sich endlich nach innen zurückziehen zu können. In dieser Hinsicht gleicht sie dem U-Bahnfahrer, der angesichts eines rassistischen oder sexistischen Übergriffs instinktiv den Kopf senkt und schweigt. Das Motto lautet: Das geht mich ja nichts an.

Zurück in die Steinzeit

Der bewusste Konsum war niemals hauptsächlich ein politisches Mittel. Er ist Ausdruck einer epochalen Zeitenwende, eines Gegenstoßes, einer Wendung wider die vermeintlichen Zumutungen einer außer Kontrolle geratenen Moderne.

Komplexität und Technologie sind als Mittel zur Steigerung von Wohlstand und Freiheit zunächst positive Phänomene. Wachstum, Wissenschaft und Maschinerie haben im Laufe des historischen Prozesses den Lebensstandard der Menschen massiv gesteigert. Heute können wir problemlos Krankheiten heilen, die in der Vergangenheit ein sicheres Todesurteil bedeutet haben, und Naturgewalten zähmen, die früher willkürlich das Schicksal ganzer Populationen besiegelten. Die Entwicklung der Produktivkräfte erlaubt es uns, mühselige und entwürdigende Arbeit an Maschinen abzugeben und zugleich mehr Güter in kürzerer Zeit herzustellen. Wissen ist Freiheit.

Kein Wunder also, dass die Linke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dem Fortschritt zugeneigt war. Nicht gegen, sondern mit der modernen Technik sollte die universelle Emanzipation durchgesetzt werden. Nicht gegen, sondern in der urbanen modernen Gesellschaft, die sich durch Anonymität, Abstraktion und Arbeitsteilung auszeichnet, soll das Reich der Freiheit (Marx) errichtet werden. Das prometheische Programm der rationalen Naturbeherrschung war von Anfang an ein Kernelement der marxistischen Gedankenwelt.

Diverse gesellschaftliche Phänomene und historische Ereignisse haben jedoch den Glauben an die Moderne auf fatale Weise untergraben. Das Scheitern von Revolutionen, die gefährlichen Nebenfolgen der Technik und die zynische Doppelmoral jener, die behaupten, den universellen Fortschritt zu verkörpern, haben bei ganzen Generationen einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Der Fortschrittsoptimismus des langen 19. Jahrhunderts wurde durch eine antimoderne Haltung herausgefordert. Gesellschaftliche Komplexität und technische Entwicklung sind für die AntimodernistIn keine Vorboten einer besseren Zukunft, sondern die Verkörperung totalen Kontrollverlustes – das Gerede von der Verselbstständigung der Moderne zieht sich von Heidegger über die Frankfurter Schule bis hin zur Organisation attac. Abstraktion und Rationalität werden nicht mehr als Mittel der Befreiung angesehen, vielmehr wird vor der Hybris des Denkens und der Entzauberung der Welt gewarnt. Das aufklärende Denken gilt nicht mehr als Verkörperung des objektiven Fortschritts, sondern gerät in den Verdacht, irgendwie westlich, männlich, mechanisch, suspekt zu sein.

Dieser Antimodernismus ist ein intellektueller Trend, aber zugleich auch eine gesamtgesellschaftliche Stimmung. Betroffen sind also keinesfalls ausschließlich einige wenige ProfessorInnen, sondern vielmehr große Teile der Bevölkerung der Industrienationen. Vom Glauben an ihren eigenen Verstand abgefallen, wünschen sie sich nichts sehnlicher als die Überwindung der verwirrenden Komplexität moderner Gesellschaften. Sie wollen die Rückkehr in eine organische Gemeinschaft, sie wollen Unmittelbarkeit und Nähe. Dieser verständliche, aber durch und durch falsche Impuls der durch den modernen Kapitalismus bedrängten Kreatur (Marx) ist das Herzstück der konsumkritischen Haltung und Aktivität.

Mittel und Wege

Bewusster Konsum ist als Mittel gegen die globale Erwärmung ebenso unwirksam wie bei der Bekämpfung von Armut und Ausbeutung in den Sweatshops der Entwicklungs- und Schwellenländer. Es handelt sich um ein vermeintliches politisches Instrument von haarsträubender Nutzlosigkeit. Wie wir gesehen haben, ist die Beliebtheit der Konsumkritik vor allem auf die neoliberale Ideologie, das Phänomen des kapitalistischen Realismus und den Antimodernismus zurückführbar. Das Diktat des bei-sich-selbst-Anfangens hält breite Teile der Bevölkerung davon ab, die richtigen Fragen zu stellen. Die Erkenntnis, dass der Klimawandel eben kein Ergebnis individueller Dekadenz oder Boshaftigkeit ist, sondern vielmehr ein Produkt politischer Kräfteverhältnisse und systemischer Zwänge, muss am Anfang jeder ernsthaften Bemühung um die Rettung unseres Planeten stehen.

Eine signifikante Reduktion des CO2-Ausstoßes lässt sich nur auf der politischen Ebene bewirken. Eine der wichtigsten kurz- bis mittelfristigen Möglichkeiten dafür ist der politische Kampf um den Kohleausstieg. Kohle ist für 25% der globalen CO2-Emissionen verantwortlich und übertrifft damit sogar das Erdöl. Alle Emissionen, die im Zuge der Energieherstellung entstehen, gehen entweder auf die in relativ begrenztem Maße stattfindende Verbrennung von Erdgas, oder auf Kohlekraftwerke zurück. Ein weltweiter Ausstieg aus der Kohlekraft würde also eine massive Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen bedeuten. Wer die globale Erwärmung stoppen will, sollte sich also vor allem für einen sofortigen Kohleausstieg einsetzen. Erfolge im Kampf gegen die Kohle sind jedoch nicht nur äußerst wünschenswert, sondern auch praktisch möglich. Ein Beispiel dafür ist der vorläufige Sieg des BUND vor dem Oberverwaltungsgericht Münster, der die Rodung des Hambacher Forsts und damit die Förderung der unter ihm befindlichen Kohle effektiv verhindern konnte. Der Kohleausstieg ist eine Forderung, die auf politischer Ebene durchgekämpft werden muss. Selbst wenn alle individuellen VerbraucherInnen auf sogenannten Ökostrom umsteigen würden – und diese Bedingung ist bereits völlig illusorisch – würde die Industrie, die kein anderes Ziel hat und haben kann als die Maximierung des Profits und die Reduktion der Kosten, immer noch jeden Strom kaufen, den sie kriegen kann. Die Kohlekraft lässt sich nur im Rahmen internationaler gesetzlicher Initiativen abschaffen. Das Wechseln des eigenen Stromanbieters tut hier nicht viel zur Sache.

Doch auch an anderen Fronten gibt es viele Dinge, die gegen den Klimawandel – und gegen die Interessen der Bourgeoisie – durchgesetzt werden müssen; zum Beispiel der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, der überall auf der Welt durchgeführt werden kann und die Nutzung von PKW, die in der EU für etwa 15% aller CO2-Emissionen verantwortlich sind, massiv verringern würde. Investitionen in die Schienennetze bewirken zusätzlich zu einer massiven Reduktion der CO2-Emissionen auch eine erhebliche Verbesserung der Infrastruktur und damit mehr Mobilität, Lebensqualität und wirtschaftliche Effizienz. Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, etwa durch mehr U-Bahn-Linien, würde es den StadtplanerInnen ermöglichen, Parkplätze durch Parkanlagen zu ersetzen und das Stadtgebiet dichter zu bebauen. Das Ziel einer prometheischen Verkehrspolitik muss darin bestehen, möglichst viele Autos von der Straße zu nehmen. Doch die rücksichtslose und konsequente Verfolgung einer solchen Politik gekonnter Rationalität erfordert massive Investitionen, sie müsste direkt gegen den Willen der Autoindustrie durchgesetzt werden. Das ist nicht einfach, aber möglich – die Geschichte hat gezeigt, dass die Herrschenden geschlagen werden können, wenn die Menschen gemeinsam auf die Straße gehen, statt auf dem Balkon Gemüse zu züchten.

Während die Durchsetzung der notwendigen Maßnahmen im Rahmen nationaler Gesetzgebung und internationaler Verträge bereits gewichtige Verbesserungen bewirken kann, ist langfristig gesehen nur die Abschaffung des kapitalistischen Systems Garant dafür, dass die globale Erwärmung nachhaltig gestoppt werden kann. Die Konkurrenz der Unternehmen zwingt diese dazu, kein anderes Ziel als die maximale Steigerung des Profits ins Auge zu nehmen. Sie müssen ihre Ausgaben so weit wie möglich reduzieren – auch auf Kosten des Klimas. Der Hobbes‘sche Naturzustand, der zwischen den Unternehmen herrscht und diese vor ein unüberwindbares collective action problem stellt, kann zwar mit Hilfe von bindenden Gesetzesinitiativen aufgelöst werden. Letztlich wird das Problem auf diese Weise jedoch nur auf eine höhere Ebene verschoben. Die Angst vor der Kapitalflucht motiviert die Staaten dazu, möglichst wenige Regulationen durchzusetzen, welche die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Unternehmen auf dem Weltmarkt beeinträchtigen könnten. Der Kampf um das Überleben der Menschheit mündet schließlich in den Kampf um die sozialistische Weltrepublik.

Weitere Artikel

Weg mit der Wohlfühlpolitik!

In linken Kreisen gibt es kaum eine größere Sünde, als die Gefühle anderer zu verletzen. Doch diese Haltung hindert uns an der Erreichung unserer Ziele....

Nach der Europawahl 2019

Das Ergebnis linker Parteien bei der Europawahl 2019 war ernüchternd. Die Linke muss in Folge ihren gesamtgesellschaftlichen Stand verbessern....