Klassenkampf an Heiligabend

Von Hendrik Erz

Am 25. Dezember hielt die Queen ihre jährliche Weihnachtsansprache. Das Video, das auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Königsfamilie veröffentlicht wurde, zeigt zunächst den Chor des King’s College in Cambridge, der die britische Nationalhymne God Save The Queen singt. Daraufhin lenkt die Kamera den Blick auf die Queen, die in einem Prunksaal zu sehen ist. Sie ist umgeben von goldenen Möbeln — zu erkennen ist ein goldener Flügel und eine goldene Couch. Die Wände des Raumes sind anscheinend aus Marmor, mit goldenen Ornamenten verziert.

Die Königin gedenkt in ihrer Rede zunächst dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Dann fährt sie fort mit ihrer Kernbotschaft: Inmitten der anhaltenden Gewalt im Nahen Osten, in Afrika und Südamerika — und in einigen Fällen nur wenige Straßen entfernt — sollten wir tief sitzende Unterschiede überwinden und uns als Mitmenschen respektieren. Indem sie eine Meinung schildert, die inhaltlich nicht im Geringsten bedeutsam ist, wählt diese Rede eine bequeme Lösung; nämlich: die Gewalt, welche auch zu Weihnachten stattfindet, einfach auszublenden.

Am Heiligabend bombardierten drei Selbstmordattentäter das Außenministerium in Tripolis, Libyen. Noch am selben Tag verbrannte sich ein Journalist in Kasserine, wenige Kilometer von Tripolis entfernt, und setzte damit massive Unruhen im ganzen Land in Gang. In den folgenden Tagen setzten sich die Unruhen in vielen Weltregionen fort, darunter auch in Frankreich, wo die Gilets Jaunes immer noch protestieren. Erst vor wenigen Tagen hat ein weiterer Terroranschlag Touristen in Ägypten getroffen.

“Keep Calm and Carry On!”

Der Jahresbericht der Deutschen Friedensforschungsinstitute mit dem Titel „Krieg ohne Ende“ schließt: ”Von einer stabilen und gerechten Friedensordnung ist die Welt gegenwärtig weit entfernt. Die Kriege etwa im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika fordern Tausende Opfer und zwingen Menschen zur Flucht. Die gemeinsame Sorge für den Frieden auf dem Wege der internationalen Zusammenarbeit — beispielsweise in den Vereinten Nationen (UN) — wird von Konflikten überschattet.”1

Die Welt gleitet in eine immer gewaltsamere Zukunft. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Bürgerkriege und Unruhen auf den Straßen gestiegen und wird weiter steigen.2Spätestens 2008 ist klar geworden, dass zivile Unruhen nicht nur den globalen Süden betreffen, sondern auch den Norden. Terroranschläge in europäischen Großstädten, neue Unruhen in Nordamerika und die Verschlechterung der sozialen Bedingungen im Westen werden dazu beitragen, Europa selbst unsicher zu machen.

Aber nicht für die Queen. Und genau das ist die zentrale Lektion, die wir aus dieser Rede — aber auch aus jeder anderen Weihnachtsansprache — ziehen sollten. Wenn die Gesellschaft zusammenbricht, werden diejenigen mit dem Luxus einer privaten Absicherung die letzten sein, die sich daran stören. Die Königin wird tatsächlich gerettet werden, wie es die britische Hymne verspricht.

Staatschefs, sowie weltliche als auch spirituelle Autoritäten, versuchen in solchen Reden einer zersplitterten Gesellschaft Trost zu spenden, die einem offenen Faschismus immer näher rückt. Sie zeigen deutlich die Kluft, welche sich zwischen den vielen Menschen am unteren Rand der Gesellschaft und den wenigen oben auftut. Und diejenigen, welche an der Spitze der Einkommenskurve stehen, können der Gesellschaft ruhigen Gewissens erklären, sie sollen einfach gelassen bleiben und weitermachen. Tatsächlich gibt es eine auffällige Ähnlichkeit zwischen den diesjährigen Weihnachtsbotschaften und den alten Kriegsplakaten der britischen Regierung, die die britische Bevölkerung motivieren sollten, ein weiteres Kriegsjahr zu überstehen: “Keep Calm and Carry On”.

Wir kämpfen gemeinsam für eine bessere Welt.

Obwohl es in der industrialisierten Welt keinen offenen Krieg gibt, existiert eine Art von latentem Krieg. Es ist kein Krieg zwischen gleichen Teilen der Gesellschaft, wie die klassische Definition eines Bürgerkriegs es beschreiben würde. Es handelt sich vielmehr um einen Wirtschaftskrieg zwischen den verschiedenen Stufen des post-fordistischen Kapitalismus. Dieser Krieg manifestiert sich schon seit langem als Gewalt im globalen Süden, aber er beginnt, auch in Europa Gewalt auszulösen. Und die jährlichen Weihnachtsbotschaften sagen uns immer wieder: “Bleibt gelassen und macht weiter”, während wir ein weiteres Jahr Klassenkampf erleiden.

Die Linke muss verstehen, dass, wenn ein Staatsoberhaupt, der Papst oder irgendeine andere Autorität uns auffordert, heimzukehren und über unsere Menschlichkeit nachzudenken, es in Wirklichkeit unsere Kämpfe sind, die das Potenzial haben, uns näher zusammenzubringen. Ob Unruhen in nordafrikanischen Städten oder französische ArbeiterInnen, die auf die Straße gehen: wir alle kämpfen gegen eine Welt, in der eine Handvoll Menschen über die Hälfte des Weltvermögens verfügt. In Zeiten wie diesen drückt sich unsere gemeinsame Menschlichkeit in Gewalt aus.

Es gibt einen relativ jungen deutschen Witz: Ein BILD-Leser sitzt an einer Bar und hat zehn Kekse vor sich. Der Kapitalist zu seiner Rechten nimmt sich neun Kekse und sagt dem BILD-Leser dann: „Schau, der Flüchtling zu deiner Linken will dir deinen Keks wegnehmen!“

Aussagen wie jene der Queen sagen uns, dass die Sterbenden auf den Straßen von Tunis und Tripolis, in Montevideo und Kabul uns unser Gefühl von Sicherheit und Behaglichkeit rauben. Die Queen und andere Prominente sitzen in goldenen Häusern und sagen uns, dass wir nicht sie verachten sollten, sondern die gewalttätigen Unruhestifter da draußen. Sie sagen uns, wir sollen ruhig bleiben und ein weiteres Jahr lang durchhalten.

Gerade in Zeiten wie diesen, sollten wir uns an den alten Schlachtruf erinnern: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

Fußnoten

  1. Bonn International Center for Conversion, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, und Institut für Entwicklung und Frieden, Hrsg. Kriege ohne Ende: mehr Diplomatie – weniger Rüstungsexporte. Friedensgutachten 2018. Berlin: LIT, 2018.
  2. Das _Stockholm International Peace Research Institute_ hält hierzu die zuverlässigsten Zahlen bereit und veröffentlicht sie im “Uppsala Conflict Data Program”: http://ucdp.uu.se/. Der Wandel seit Ende des Kalten Krieges ist klar erkennbar.

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