Für einen Feminismus der proletarischen Viertel!

Übersetzt von Sébastien de Beauvoir1

Als Kollektiv, das für einen proletarischen Feminismus eintritt, ergreifen wir im Rahmen der Gilets-Jaunes-Bewegung das Wort, um ins Bewusstsein zu rufen, dass wir an all diesen Kämpfen teilnehmen. Wir nehmen deswegen an all diesen Kämpfen teil, weil die proletarischen Frauen bei jeder Form von Gewalt und jeder Form von Widerstand an vorderster Front stehen.

Wir wohnen, arbeiten und kämpfen im 93. Département, vor allem in Saint-Ouen-sur-Seine und in Saint-Denis. Seit langem schon ist diese Arbeiterbörse unser Hauptquartier! Wir arbeiten im Krankenhaus Delafontaine, in den Schulen St Ouens, bei der Post, am Angela-Davis-Gymnasium in St Denis und an anderen berufsbildenden Schulen, in der Sozialarbeit des Viertels … haben wir keine Papiere, sind wir gezwungen, schwarz zu arbeiten, oder wir sind von Arbeitslosigkeit betroffen, leben prekär.

Überall um uns herum sehen wir die gesellschaftliche Gewalt, die sich über den Vierteln des einfachen Volks niederschlägt. Wir sagen: In jeder sozialen oder wirtschaftlichen Krise widerfährt Frauen größte Gewalt, und noch härter trifft es die ausgebeuteten Frauen, die Frauen ohne Papiere, die Frauen aus den proletarischen Vierteln. 80% derer, die trotz Lohnarbeit arm sind, sind Frauen!

Die Regierung und ihre Medien wollen uns entmenschlichen, wir aber erinnern daran, dass wir dafür eintreten, Solidarität zu schaffen und etwas Würde zurückzugewinnen.

  • Genug damit, ausgebeutet zu werden – Jobs zu haben, die unsere Leben und unsere Körper zugrunderichten! Genug mit der Prekarität, die uns der Gnade unserer Chefs und Vorgesetzten ausliefert!
  • Genug mit der Arbeitslosigkeit! Genug damit, dass die Reichen sich auf unserem Rücken fettfressen und auf dem unserer Familien! Genug damit, dass sie unser Recht auf Gesundheit und Unterkunft verramschen!
  • Genug mit dem Mangel an anständigen Sozialwohnungen! Genug damit, drei Jahre warten zu müssen, um in einem Sozialbau unterzukommen! Genug mit ihrem Grand Paris und ihren olympischen Spielen, die unsere Viertel zerstören!
  • Genug mit ihren zweitklassigen Schulen und ihren fauligen Reformen! Man wird keine Ungleichheit dadurch bekämpfen, dass man wieder Bullen in unsere Schulen bringt! Am Schulversagen sind nicht unsere Kinder schuld – das Problem ist ihr System!
  • Die Jagd auf Arme, die rassistische und die Polizeigewalt, die mit unseresgleichen vollgestopften Gefängnisse, den Hass auf Muslime, den Sexismus, die Homophobie, all das wollen wir nicht mehr!

Wir wollen daran erinnern, dass sich der Kampf ohne die Frauen nicht führen lässt! Der Platz der Frauen ist im politischen Kampf!

Homophobe, häusliche und sexistische Gewalt nehmen zu. Überall befinden wir uns in Gefahr: zuhause, auf der Straße, auf der Arbeit, und selbst in unseren politischen Kollektiven.

Wir setzen uns an allen Tagen des Jahres in unseren Vierteln, an unseren Arbeitsplätzen ein. Soll die Bewegung der Gilets Jaunes ein wahrhaftiger gesellschaftlicher Protest werden, so wird der Kampf nicht ohne uns vonstatten gehen können.

Doch der gemeinsame Kampf kann nur unter einer einzigen Bedingung Wirklichkeit werden: Alle Frauen müssen für die Sache in Sicherheit eintreten können. Kein einziger Aggressor in unseren Reihen. Darauf müssen wir uns verpflichten, in unseren Kollektiven, in dieser Versammlung und in den kommenden Kämpfen!

Wir werden keinerlei Zugeständnisse machen: weder in unserem Lager, noch im Lager der Medien und der Politik. Wir werden nicht zulassen, dass die Frauenrechte benutzt werden, um Viertel und Einwanderer zu kriminalisieren.

Proletarischer Feminismus ist in dieser Bewegung, die wir aufbauen, keine bloße Option. Ganz im Gegenteil sind Frauen und Lesben, die Schwulen, die Bi- und Transsexuellen an vorderster Front der Gewalt. Aber wir stehen auch an vorderster Front im Widerstand.

Wir, Femmes en lutte 93, rufen alle Frauen in den proletarischen Vierteln dazu auf, am Samstag auf die Straße zu gehen

 

Fußnoten

  1. Ich habe mich entschieden, »populaires« i. d. R. mit »proletarisch« zu übersetzen, trotz der Unzulänglichkeiten dieser Übersetzung. Aufgrund der unterschiedlichen Terminologien scheint mir eine Übersetzung, die in Inhalt, Stil und Konsistenz zugleich dem Original entspricht, nicht möglich zu sein. An manchen Stellen hätte man auch »des einfachen Volkes«, »deklassiert« oder »plebejisch« nehmen können. 

  2. Der Originaltext des Aufrufes ist auf dem Blog von Femmes en lutte 93 abrufbar

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