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Corona-Kapitalismus

von Ilja

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Fähigkeit bürgerlich-kapitalistischer Staaten, ihre BürgerInnen vor Epidemien zu schützen, wird im Augenblick wieder hart auf die Probe gestellt. Es ist nicht das erste mal, dass wir durch gefährliche Krankheiten bedroht werden. Daher loht sich ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

Diphterie: Das vielleicht anschaulichste Beispiel dafür, wie die neoliberale Zerstörung des öffentlichen Gesundheitswesens den Weg für tödliche Epidemien freimacht, liess sich in der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren beobachten: In der Sowjetunion war, ähnlich wie im Westen, die gefährliche Kinderkrankheit Diphterie durch konsequente Impfungen seit Anfang der 60er Jahre nahezu vollständig verschwunden. Unter dem Regime Boris Jelzins wurde in den 90ern das öffentliche Gesundheitswesen Russlands jedoch weitgehend zerstört. Ein grosser Teil der Bevölkerung konnte sich Impfungen entweder nicht mehr leisten oder besaß von vorne herein keinen Zugang dazu. In den anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion passierte Ähnliches. Die Folge war ein Wiederaufflammen der gefürchteten Diphterieepidemien, die bis 1995 in der ehemaligen Sowjetunion über 125000 Erkrankungsfälle und mindestens 4000 Todesfälle zur Folge hatte. Man kann von einer hohen Dunkelzahl ausgehen.

BSE-Krise: Viele können sich sicher noch an die BSE-Krise erinnern, die, ebenfalls in den 90er- Jahren, vor allem Großbritannien erschütterte. Seit den 70er Jahren wurde in zunehmendem Ausmass sogenanntes Tiermehl an Rinder verfüttert. Das geschah zum Zwecke der Produktivitätssteigerung – mit Tiermehl lassen sich Rinder schneller auf ein schlachtreifes Gewicht hochmästen, auch die Milchproduktion bei Kühen wird erhöht. Um gleichzeitig die Produktionskosten zu senken, wurden unzureichende Sterilisationsverfahren mit niedrigen Temperaturen für Tiermehl zugelassen, bei denen die für BSE verantwortlichen Prionen nicht mehr vollständig abgetötet wurden. Der Verdacht, dass BSE durch den Verzehr von infiziertem Rindfleisch auf Menschen übertragbar ist und für eine neue Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jacob-Erkrankung (nvCJD) verantwortlich ist, gab es schon Anfang der 90-er Jahre. Trotzdem dauerte es jahrelang, bis die britische Regierung endlich die notwendigen Konsequenzen aus der um sich greifenden Epidemie zog und die Verfütterung von Tiermehl komplett untersagte. Es wurden zahlreiche Fälle bekannt, in denen Tierhalter ihre Rindvieh beim Auftreten erster Symtome noch schnell zum Schlachter schickten, da die staatliche Kompensation für die Notschlachtung infizierter Rinder weit unter dem üblichen Marktpreis lag.

Zum Glück blieb die Zahl der Erkrankten überschaubar. Nachdem ”nur” etwas mehr als 220 Personen an nvCJD gestorben waren, wurden sowohl Journalisten als auch WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen, die konsequentere Massnahmen gefordert hatten, als Panikmacher an den Pranger gestellt. Personen, die über keinerlei Fachwissen verfügen, verkündeten auf einmal, man hätte von Anfang an wissen können, dass alles nur heisse Luft gewesen sei.

Schweinegrippe: Grippepandemien wie beispielsweise die ”spanische Grippe” von 1918/19 – die Krankheit kostete 50-100 Millionen Menschen das Leben – werden meist durch die genetische Kreuzung animalischer Grippeviren mit menschlichen Grippeviren verursacht. So entstehen Viren, gegen die grosse Teile der Bevölkerung keine Immunität besitzt. Sie rufen oftmals schwerere Erkrankungen hervor als die saisonale Grippe. Das war auch 2009 geschehen, als die „Schweinegrippe“ ausbrach. WissenschaftlerInnen reagierten schnell und stellten zügig einen Impfstoff her, der dann rasch verbreitet wurde.
Das neue Virus verbreitete sich zwar in der Tat rasant, stellte sich aber als relativ harmlos heraus. Die Infektion wies eine niedrigere Letalität als die bis 2009 vorherrschende saisonale Grippe.

Der Vorwurf der Panikmache ließ nicht lange auf sich warten, und flugs standen VerschwörungstheoretikerInnen und ImpfgegnerInnen auf der Matte, die behaupteten, die Harmlosigkeit der neuen Pandemie sei von vorne herein klar gewesen. Die Pharmaindustrie und die von ihr angeblich bestochene STIKO (Ständige Impfkommission) hätten die Gefahr absichtlich übertrieben, um den Impfstoff vermarkten zu können.

Panikmache?

Wo aber liegt der Fehler derjenigen, die sowohl bei der BSE-Krise als auch bei der „Schweinegrippe“ den Vorwurf der „Panikmache“ verbreiteten? Weder die Pathogenität noch die Kontagiosität eines bisher unbekannten Infektionserregers lassen sich wissenschaftlich vorhersehen, sondern sie werden dann im Laufe der Epidemie/Pandemie empirisch ermittelt. Die Pathogenität steht für den Anteil der Infizierten, der bei einer Infektion schwer erkrankt und einen schweren/lebensbedrohlichen Verlauf entwickelt. Die Kontagiosität dagegen beschreibt, wie hoch der prozentuale Anteil derjenigen Individuen ist, die bei einer bestimmten Form des Kontakts mit dem infektiösem Agens eine Infektion entwickeln.

Die für BSE verantwortlichen Prionen haben zwar eine extrem hohe Pathogenität – der Ausbruch einer Infektion mit Prionen führt immer zum Tode wenn sie erstmal das Gehirn erreicht hat – aber beim Verzehr von infiziertem Fleisch zum Glück eine niedrige Kontagiosität, sodass nur ein sehr kleiner Anteil derjenigen, die den Erreger auf ihrem Teller hatten, sich auch tatsächlich damit infizierte.

Der Erreger der Schweinegrippe har zwar zweifelsohne eine hohe Kontagiosität. Innerhalb von wenigen Monaten infizierten sich hunderttausende Menschen, und nur ein Jahr später wurde der Erreger zum dominantem Agens der jährlichen Grippesaison. Er wies aber nur eine relativ niedrige Pathogenität auf. Der Anteil der Toten bewegte sich von Anfang an im Promillebereich und sank im späteren Verlauf der Epidemie noch deutlich.

Weder das eine noch das andere war allerdings vorherzusehen. Aus den Zahlen lässt sich leicht ableiten, dass sowohl der Rinderwahnsinn BSE als auch die Schweinegrippe bei einer nur leicht abweichenden Kontagiosität bzw. Pathogenität zu Millionen Todesopfern hätten führen können.

Zur „Panikmache“ und zu energischen Maßnahmen gab es also in beiden Fällen gute Gründe. Zudem wird bei der BSE-Epidemie die Tatsache ausgeblendet, dass diese erst durch staatliche Maßnahmen überhaupt eingedämmt wurde und es ohne diese Gegenmassnahmen mit Sicherheit weitaus mehr Todesfälle gegeben hätte.

Covid-19

Seit Anfang 2020 wird die Welt nun also von der Corona-Pandemie erschüttert. Mit bereits über 18000 Todesfällen und über 400.000 bestätigten Infektionen lässt sich bereits Ende März sagen, dass es die 3 oben genannten Epidemien weit in den Schatten stellen wird, wobei ein Ende noch lange nicht abzusehen ist.

China, wo die Erkrankung zuerst diagnostiziert wurde, versuchte am Anfang den Ausbruch der Epidemie zu vertuschen, Whistleblower wurden zum Teil drakonisch bestraft, was internationale Kritik auf sich zog. Nachdem der Ausbruch nicht mehr zu leugnen war, gelang es der chinesischen Regierung jedoch, die Epidemie mit drastischen Massnahmen wie etwa einem kompletten Lockdown Stadt Wuhan sowie weit verbreiteten Tests wieder einzudämmen.

In Europa dagegen verbreitet sich das Virus inzwischen weitgehend unkontrolliert in so gut wie allen größeren Städten. An eine komplette Eindämmung der Pandemie ist nicht mehr zu denken. Beim Auftreten der ersten Fälle in Europa reagierten die europäischen Regierungen zunächst sehr zögerlich. Selbst mit partiellen Ausgangssperren wurde lange gewartet; in den allermeisten Ländern wurden Maßnahmen, die effektiv wären, aber der Wirtschaft schaden würden, wie z.B. eine Stilllegung aller nicht unmittelbar lebenswichtigen Wirtschaftszweige, systematisch vermieden. Reisen in stark betroffene Regionen, wie Norditalien, wurden erst sehr spät eingestellt, weil man den Fluggesellschaften und der Tourismusindustrie nicht schaden wollte.

Die Niederlande, Großbritannien und Schweden gingen sogar soweit, am Anfang überhaupt nichts gegen die Ausbreitung der Erkrankung zu unternehmen, und kündigten jeweils an, mit wirksamen Maßnahmen so lange zu warten, bis dem Gesundheitswesen eine völlige Überlastung drohe. In den Niederlanden und Großbritannien wurde trotz einer zunehmenden Zahl von Todesopfern sogar am Anfang offen erklärt, dass man auf eine Strategie der ”Herdenimmunität” setze. Diese zielt darauf ab, dass sich möglichst viele Menschen mit dem neuen Virus infizieren, um eine Immunisierung breiter Bevölkerungsschichten gegen die Erkrankung zu bewirken.

In Italien hatten Rechtsregierungen jahrzehntelang – auch auf Druck der EU – im Sinne neoliberaler Austeritätspolitik eine erhebliche Dezimierung des Gesundheitswesens vorangetrieben. Dort nahm die Pandemie rasch so katastrophale Auswirkungen an, dass viele intensivpflichtige PatientInnen nicht mehr versorgt werden konnten – nur noch jüngere PatientInnen wurden an die Beatmungsgeräte angeschlossen. Auch in vielen anderen EU-Ländern zeigen die Berechnungen, dass deren kaputtgesparte Krankenhäuser bei steigenden Erkrankungszahlen mit der Versorgung kritisch kranker PatientInnen völlig überlastet wären. Es fehlt an Betten, Ausrüstung und Personal, sogar die Testkits für COVID-19 reichen nicht aus, um ein breit angelegtes Screening der Bevölkerung durchzuführen und die Kontakte der Infizierten systematisch ausfindig zu machen.

Lektionen

1) Der Kapitalismus führt zu einer extremen Ungleichheit in Bezug auf den Zugang zu öffentlichen Gesundheitsleistungen. Die Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Nur wenn auch die ärmeren Bevölkerungsschichten Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung haben, können ansteckende Infektionskrankheiten eingedämmt werden. Dies wurde vor allem bei der post-sowjetischen Diphterieepidemie der 90er deutlich.

2) Sind die Gesundheitssysteme durch Privatisierungen, Kürzungen und andere Formen neoliberaler Austeritätspolitik geschwächt, dann fehlen im Fall einer akuten Krise sowohl Personal als auch Ressourcen. Die PatientInnen können nicht mehr adäquat versorgt werden. Ein Gesundheitssystem, das schon unter Normalbedingungen an seine Grenzen kommt, kann nur kollabieren, wenn sich große Teile der Bevölkerung mit einer tödlichen Krankheit infizieren.

3) Existiert eine profitorientierte Gesundheitsindustrie, so entscheidet der Markt über Produktion und Preise. Unter diesen Bedingungen kann im Krisenfall die Produktion und Distribution der benötigten Güter nur schlecht gesteuert werden. Dringend benötigte Materialien, Medikamente und Testinstrumente werden in unzureichender Menge hergestellt, solange etwas anderes profitabler ist.

4) Maßnahmen, die zur Eindämmung von Infektionskrankheiten notwendig sind, aber zum wirtschaftlichen Einbruch in Schlüsselsektoren der Wirtschaft (wie z.B. der Fleischindustrie in Grossbritannien oder der Tourismusindustrie in Italien) führen, werden im Kapitalismus nur sehr zögerlich getroffen. Erst wenn die Situation dermaßen außer Kontrolle gerät, dass der wirtschaftliche Schaden einer unkontrollierten Pandemie noch größer wäre als der durch die Maßnahmen entstehende Schaden, können sich die Staaten zum Handeln durchringen.

5) Post-sozialistische Staaten wie China, in der der Staat im Vergleich zu den liberalen Marktwirtschaften noch eine stärkere Stellung behalten hat, fällt es leichter, ihre Aufgabe als ideeller Gesamtkapitalist wahrzunehmen und die notwendigen Maßnahmen auch gegen die Interessen von Einzelkapitalen durchzusetzen. Gleichzeitig zeigen sich speziell in China auch die Schwachpunkte autoritärer Regime: Die massive Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit sowie die routinierten Drohungen gegen RegimekritikerInnen machten ein längeres Verschweigen des Problems überhaupt erst möglich, was die Einleitung der erforderlichen Gegenmaßnahmen verzögert hat.

6) Das Ausmaß der psychologischen Verelendung, die der Kapitalismus bei den Menschen hervorruft, mag enorm sein – kein System ist jedoch dazu in der Lage, jegliche Spur menschlichen Verhaltens und jeden Überlebensinstinkt zu tilgen. Nur ein kleiner Teil der Menschen ist bereit, das Leben seiner kranken Großeltern oder seiner Freunde für Profite aufs Spiel zu setzen. Mit wachsender Bedrohung, wenn mehr und mehr Menschen um ihr eigenes Leben und das ihrer Liebsten bangen müssen, befürwortet eine klare Mehrheit einschneidende Maßnahmen. Insgesamt ist also davon auszugehen, dass pro-wissenschaftliche, rationale und solidarische Positionen in der Bevölkerung gestärkt werden.

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